Aktuelle Börsenschwäche ist Reaktion auf politische Unwägbarkeiten

Schlagworte: , ,

„An der Börse wird sie als recht treffsicheres
Frühwarnsystem gehandelt, da sie in der Vergangenheit oft mit längerem
zeitlichem Vorlauf auf eine Rezession hindeutete.“ In der Tat hat sich die
US-Zinsstrukturkurve, also die Differenz zwischen langfristigen Zinsen und dem
Zins für kurzfristige Anleihen, von 260 Basispunkten Anfang 2014 auf aktuell um
die 20 Basispunkte abgeflacht. „Die Sorge um eine inverse Zinsstruktur macht
umso mehr die Runde auf dem Börsenparkett, seit es quasi sicher ist, dass die
US-Notenbank die Geldmarktzinsen von aktuell 2,25 Prozent im Laufe des
Jahres 2019 weiter Richtung 3 Prozent anheben wird und damit auch die Renditen
für zweijährige Anleihen ansteigen werden“, so Wenzel weiter.

Demgegenüber spiegele das lange Zinsende die Wachstums- und vielmehr die
Inflationserwartung der Marktteilnehmer wider. Die restriktivere Geldpolitik
leite sich primär aus der Sorge um überbordende Inflationserwartungen ab, die
die Notenbank zum Handeln zwingen. „Damit tritt aber ein Widerspruch offen
zutage. Zwar wird sich im kommenden Jahr wohl die konjunkturelle Dynamik leicht
beruhigen – wir erwarten eine Wachstumsabschwächung von 2,9 Prozent im laufenden
auf circa 2,25 Prozent im kommenden Jahr. Demgegenüber wird die Inflation aber
weiter um die 2-Prozent-Marke pendeln“, sagt Wenzel. Eine ähnliche Hausnummer
werde auch an den Börsen gehandelt. So notiere die Rendite von 10-jährigen
US-Break-even-Anleihen aktuell bei circa 2,2 Prozent. Vor diesem Hintergrund
und sofern der Handelsstreit zwischen Amerika und China nicht weiter ausufere,
sollte am langen Zinsende durchaus noch Luft nach oben bestehen und damit eine
weitere Abflachung der Zinsstrukturkurve zumindest auf absehbare Zeit
abgefedert werden können.

Zinsdifferenzen von Unternehmensanleihen seien heute ein weiteres Utensil im
Werkzeugkasten der Konjunktur- und Börsenanalytiker. „Steigende Ausfallraten
sind ein treffsicheres Indiz für ein zunehmendes Konjunkturrisiko und bieten
damit, korrigiert um die Ausfallraten, eine komplementäre Sicht aus der
Perspektive der Realwirtschaft“, so Wenzel weiter.

Die Kombination aus beiden Indikatoren sei ein sehr verlässliches Instrument
und deute heute auf eine Rezessionswahrscheinlichkeit von etwa 30 Prozent hin.
Zwar hatte in der Vergangenheit eine solche Wahrscheinlichkeit keine Rezession
zur Folge – allerdings seien Investoren gut beraten, die sich mehrenden
Warnsignale nicht auf die leichte Schulter zu nehmen.

„Die aktuelle Börsenschwäche interpretieren wir allerdings vielmehr als
Reaktion auf die zahlreichen politischen Unwägbarkeiten, die sich rund um den
Globus spannen, auf eine sich leicht abschwächende Konjunktur und auf steigende
Zinsen. Es kann heute kaum ein Zweifel daran bestehen, dass wir uns in der
konjunkturellen Spätphase befinden, in welcher die Konjunkturdynamik einen Gang
zurückschaltet und die Inflation, unterstützt von Lohnerhöhungen oberhalb des
Produktivitätswachstums, weiter ansteigt“, so Wenzel. Dies sei insbesondere in
den USA der Fall, wo die Löhne mittlerweile um die 3 Prozent zulegen. Das
Produktivitätswachstum mit circa 1 Prozent hinke deutlich hinterher. „Das
belastet auch das Gewinnwachstum, für welches wir für 2019 bestenfalls einstellige
Zuwächse erwarten“, sagt der Anlagestratege.

Damit seien besonnene Investoren gut beraten, sich für 2019 eher die
Philosophie „in Kursstärke Gewinne mitnehmen“ zu eigen zu machen. „Sich von
einem übertriebenen Pessimismus, der auf der kurzfristigen Stimmungslage
basiert, treiben zu lassen, war noch nie eine gute Anlagestrategie und ist es
weiterhin nicht. Insofern haben die mahnenden Signale der Zinsstrukturkurve und
die daraus resultierenden Warnsignale ihre Legitimation“, schließt Wenzel.

Zum Download: Die (US-)Zinsstrukturkurve als ökonomisches Frühwarnsystem

Disclamer