Angst vor neuer Ölkrise

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Der Angriff auf saudische Ölanlagen wird nicht spurlos an den Verbrauchern und der Weltkonjunktur vorbeigehen. Marktbeobachter fürchten den Beginn einer neuen Ölkrise.

Mehrere Drohnen haben am Wochenende
den größten Ölkomplex in Saudi-Arabien attackiert und in Brand gesetzt. Zu den
Angriffen bekannten sich Huthi-Rebellen aus dem benachbarten Jemen. Die Attacke
sei eine „legitime Antwort“ auf eine anhaltende Militärkampagne Saudi-Arabiens
im Jemen, sagte ein Militärsprecher der Huthis. Das saudische
Energieministerium spricht von Terrorismus. Die Ölproduktion ging nach dem Angriff
um 5,7 Millionen Barrel auf die Hälfte des üblichen Volumens zurück. Die Folgen
des Produktionseinbruchs sind bereits zu sehen: Bei Markteröffnung am Sonntag
sprang der Preis für die Nordsee-Sorte Brent um mehr als 19 Prozent auf 71,95 US-Dollar
je Barrel. Am Montag stiegen die  Preise zeitweise
noch einmal um bis zu 20 Prozent.

Verbraucher müssen sich auf weiter
steigende Preise einstellen, sagt Robert Greil, Chefanlagestratege bei der
Privatbank Merck Finck. Zwar dürften andere ölfördernde Staaten die
Produktionsausfälle Saudi-Arabiens voraussichtlich durch eigene freie
Ölreserven auffangen. „Die Mineralölindustrie wird die gestiegenen Preise aber
zügig an die deutschen Autofahrer und Heizungsbetreiber weitergeben – auch wenn
sie selbst das Phänomen wegen langfristig vereinbarter Abnahmepreise vielleicht
erst einmal nur zum Teil zu spüren bekommt“, sagt Greil.

Droht ein offener Konflikt?

Für die globale Konjunktur kommt der
Ölpreisschock zur Unzeit, vor allem für Deutschland, wo die Wirtschaft im
zweiten Quartal erneut geschrumpft ist. Kurzfristig dürften sich die
Auswirkungen auf Industrienationen zwar in Grenzen halten. Mit dem
Ölpreisschock sei aber ein weiterer Risikofaktor dazu gekommen, der die ohnehin
schwächelnde Konjunktur zusätzlich belastet. „Die Gefahr, dass der gestresste
Ölmarkt die schwächelnde Wirtschaft in Mitleidenschaft zieht, ist klar
gestiegen“, sagt Anlageprofi Greil. Ob sich die Sorge als berechtigt beweist,
hängt vor allem davon ab, wie lange die Produktion gedrosselt bleibt. „Da
mittlerweile von Wochen oder gar Monaten die Rede ist, gilt es, die
Entwicklungen genau im Auge zu behalten“, sagt Greil.

Langfristig könnten die Folgen des
Anschlags gravierend sein – nicht nur für die Wirtschaft, fürchtet Nitesh Shah,
Leiter des Research-Bereichs beim Vermögensverwalter Wisdom-Tree. Zwar haben
sich Huthi-Rebellen zum Anschlag bekannt, zu ihren wichtigsten Unterstützern
zählt aber der Iran. Der Anschlag könnte die Lage am Persischen Golf eskalieren
lassen. „Der Konflikt könnte sich in einen offenen Krieg mit dem Iran verwandeln“,
sagt Shah. Der Drohnenangriff reiht sich ein in eine Serie von Übergriffen
beider Nationen. Iran hatte zuletzt Öltanker in der Straße von Hormus
festgesetzt. Die Meerenge ist eine der wichtigsten Routen für den globalen
Ölhandel: 90 Prozent der Exporte werden durch sie transportiert. „Das Risiko
einer militärischen Intervention in der Region wächst von Tag zu Tag“, sagt
Shah. Er spricht von einer „geopolitischen Prämie für Öl“. Diese dürfte weiter
steigen.