Aus dem Schatten

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Value-Aktien könnten dank vergleichsweise günstiger Bewertungen eine Renaissance erleben. Analysten rücken dabei eine Branche in den Fokus, die viele Anleger derzeit so gar nicht mögen.

Value-Investoren
hatten es in dem seit Jahren anhaltenden Aufwärtstrend an den Aktienmärkten nicht
leicht, Unternehmen mit hohem Substanzwert waren bei Anlegern weniger gefragt
als Wachstumswerte. „Value hatte zwar gute Argumente, Growth aber die weitaus
bessere Performance“, sagt Marcel Müller, Chef des Portfoliomanagements bei HQ
Trust. Mit Argumenten meint er vor allem die Gewinne der Unternehmen, denn die haben
sich auch bei Value-Titeln durchaus gut entwickelt. „In allen Regionen kommt
der größte Anteil des Performanceunterschieds aus Bewertungsveränderungen.“
Bedeutet: Value-Titel sind im Vergleich günstiger geworden und Growth-Aktien
teurer.

Zuletzt
haben sich deshalb die Stimmen gemehrt, dass Value bald wieder „in“ werden könnte. „Wir stellen das Value-Segment deutlich stärker als sonst in den
Vordergrund“, sagt etwa Alain Bokobza, Head of Global Asset Allocation bei
Societe Generale. Auch andere Experten brechen eine Lanze für Substanzwerte: „Die
Entwicklungen im Value-Investitionsumfeld sehen derzeit erfreulich aus“, sagt Goran
Vasiljevic, Chefanlagestratege bei Lingohr & Partner Asset Management. „Während
in den letzten Jahren irrational und emotional getriebene Märkte zu erheblichen
Fehlbewertungen geführt haben, steht eine mögliche Trendwende bevor.“

Banken: So günstig wie noch nie

Der
Lingohr-Chefinvestor hat dabei eine Branche im Blick, die viele Anleger lange
Zeit gemieden haben: Banken. Gerade bei europäischen Kreditinstituten sehe man
angesichts der niedrigen Bewertungen klare Kaufsignale: „Europäische Banken
waren tendenziell noch nie so günstig“, sagt Vasiljevic mit Blick auf Ertrags-
und Dividendenrendite. Angesichts der Nullzinspolitik sei die Rentabilität der
Banken zwar vorübergehend eingebrochen. Seit dem Tief nach der Eurokrise im
Jahre 2012 hätten Banken allerdings die Eigenkapitalrendite von vier Prozent kontinuierlich
auf heute wieder zwölf Prozent steigern können. „Somit sind sie auch profitabler
als andere Sektoren“, sagt Vasiljevic. Zudem seien Banken aktuell deutlich stabiler
als zu den Hochzeiten der Finanz- und Eurokrise: Damals habe man einen
Zusammenbruch des gesamten Bankensystems oder den der Eurozone befürchtet. „Davon
sind wir weit entfernt. Die Wirtschaft wächst nach wie vor, die
Arbeitslosenquote befindet sich auf historisch niedrigem Niveau und die Kreditvergabe
zieht seit 2014 kontinuierlich wieder an“, sagt Vasiljevic. „Die Banken haben
sich angepasst. Investoren müssen diesen Schritt aber noch nachvollziehen.“

Wer sich
angesichts der Diskussionen um die Rentabilität deutscher Banken über so viel
Zuversicht wundert, findet des Rätsels Lösung beim Blick über den Tellerrand: Vasiljevic
investiert breit gestreut in europäische Banken aus Frankreich, Großbritannien,
Italien, den Niederlanden und der Schweiz – unterrepräsentiert ist lediglich Deutschland.