Ausverkauf in den Schwellenländern

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Die Corona-Krise hat zu einer Kapitalflucht aus den Emerging Markets geführt. Die günstigen Bewertungen an den dortigen Aktien- und Rentenmärkten lassen Profi-Anleger aufhorchen.

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie:
Erst schottet sich Europa immer stärker gegen Migranten aus Afrika ab – nun
haben im Zuge der Corona-Pandemie mehrere afrikanische Staaten ihre Grenzen für
Europäer geschlossen. Bisher sind viele Schwellenländer zwar längst nicht so
stark vom Coronavirus betroffen wie Europa und die USA. Dennoch sind die Börsen
in den aufstrebenden Volkswirtschaften im Rahmen des Corona-Schocks abgestürzt.
Der globale Aktienindex MSCI World hat auf Sicht von drei Monaten rund 22
Prozent nachgegeben. Das Schwellenländer-Barometer MSCI Emerging Markets ist im
selben Zeitraum um rund 24 Prozent gefallen.

Der Absturz der Schwellenmärkte folgt
der üblichen Krisenlogik: In volatilen Börsenphasen ziehen Anleger zuerst
Kapital aus den als unsicher geltenden Emerging Markets ab – und sorgen so an
den dortigen Finanzmärkten erst recht für hohe Schwankungen. „In den letzten
Wochen sind Investoren in Scharen aus Staats- und Unternehmensanleihen der
Schwellenländer geflüchtet“, berichtet Claudia Calich, Fondsmanagerin bei
M&G. „Die fallenden Kurse haben die Anleiherenditen auf ein Niveau gehoben,
das sich nur mit der Finanzkrise 2008 vergleichen lässt.“ Gemessen an den
Prämien für Kreditausfallversicherungen gehen Anleger jetzt davon aus, dass in
den kommenden fünf Jahren fast jedes dritte Schwellenland zahlungsunfähig wird.
Eine solche Entwicklung hält Calich, bei allem Ernst der Lage, für
unwahrscheinlich.

Ein ähnlich dramatisches Bild zeigt
sich an den Aktienmärkten. Auch dort hat die Corona-bedingte Kapitalflucht die
Preise massiv gedrückt. „Die Bewertungen bei Schwellenländeraktien sind auf
historischer Basis attraktiv“, sagt Angelika Millendorfer, Leiterin des
Emerging-Markets-Aktienteams bei Raiffeisen Capital Management (RCM).

Kaufgelegenheiten für Mutige

Risikofreudige Investoren nutzen den
Ausverkauf in den Schwellenländern zur Schnäppchenjagd. „Wir schauen aktiv nach
Top-Unternehmen, die wir womöglich mit Rabatt kaufen können“, sagt Krishan
Selva, Portfoliomanager bei Columbia Threadneedle. Die Investmentgesellschaft
hat etwa bei den Aktien des russisch-niederländischen Internetdienstleisters
Yandex nachgekauft und den südkoreanischen Bildschirmhersteller SDI neu ins
Portfolio aufgenommen. „Wir erwarten nicht, dass die mittel- bis langfristigen
Trends sich ändern. Daher nutzen wir die aktuelle Volatilität und konzentrieren
uns auf die Fundamentaldaten und Bewertungen der Unternehmen“, erklärt Selva.

Auch auf der Anleiheseite gibt es
jetzt Chancen für Mutige. „Wir haben einige Anleihen gesehen, die unserer Meinung
nach beim Ausverkauf zu viel verloren haben“, sagt M&G-Managerin Calich.
Dazu zählt sie ölexportierende Länder, die nicht auf Einnahmen aus dem
Tourismus angewiesen sind, wie Ruanda, Pakistan, Honduras und die
Elfenbeinküste. Auch Unternehmensanleihen aus dem nicht-zyklischen Gesundheits-
und Lebensmittelsektor findet die Fondsmanagerin jetzt interessant.

Anleger sollten allerdings nicht
unvorsichtig werden, mahnen Anlageexperten. Noch ist unklar, wie sich die Kurve
der Corona-Infektionen in den Schwellenländern entwickeln und wie hoch die
Sterberate ausfallen wird. „Je nachdem, welches Szenario man unterstellt, sind
die Kurse bei Aktien und Anleihen vieler Schwellenländer attraktiv bis sehr
günstig einzuschätzen oder noch mit erheblichen Abwärtsrisiken behaftet“, warnt
RCM-Expertin Millendorfer.