Cannabis ETFs: Im Rausch der fallenden Kurse

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In dieser Woche ist Europas erster Cannabis-ETF an den Start gegangen. Das Timing ist heikel. Die Kursphantasien von Hanf-Investoren lösen sich seit Monaten in Rauch auf.

Hanf macht – je nach Zubereitungs- und Darreichungsform – nicht nur high, sondern gilt zudem seit Jahrtausenden als Wundermittel gegen eigentlich Alles. Manchen gilt das Kraut deshalb als eines der ältesten Genuss- und Kulturgüter der Menschheit. Dass der Anbau und der Genuss erst seit ein paar Jahren in etlichen Ländern legalisiert wird, mutet da fast erstaunlich an. 

Umso größer war zunächst die Euphorie, als sich ausgerechnet in den USA mehrere Bundesstaaten entschlossen, den Anbau und Verarbeitung von Hanf sowie den Besitz von Marihuana und Haschisch zu erlauben. Zum Jahreswechsel ist mit Illinois gerade der elfte US-Bundesstaat hinzugekommen. Kanada ist Cannabis seit Oktober 2018 sogar komplett legalisiert. Die Aufhebung der Verbote ist zumindest auf dem amerikanischen Kontinent und in der westlichen Welt ein Mega-Trend. Das beseelt seit einiger Zeit Investoren, die neue Chancen wittern. Schließlich sind Drogen das perfekte Konsumgut. Die Legalisierung schafft die Aussicht auf eine steigende Anzahl von Konsumenten, die – befreit von Kriminalisierung des Konsums – mehr konsumieren als bisher. Dass der Genuss von Marihuana und Haschisch psychisch abhängig machen kann, gilt unter marktwirtschaftlicher Prämisse durchaus als zweckdienlich.

Kein Wunder, dass in den Powerpoint-Präsentationen von neu gegründeten Cannabis-Firmen die Wachstumspfeile stets steil nach oben zeigen. Rund um den Hanf ist innerhalb kürzester Zeit eine komplexe Industrie gewachsen. Dazu gehören natürlich Unternehmen, die sich auf den Anbau von Cannabispflanzen spezialisiert haben. Marktführer sind börsennotierte Firmen wie Aurora Cannabis (ISIN: CA05156X1087), Canopy Growth (ISIN: CA1380351009) und Tilray (ISIN: US88688T1007). Während Aurora Cannabis und Tilray gemäß den Vorschriften für medizinisches Marihuana ausschließlich für gesundheitliche Anwendungen produzieren, sieht Canopy Growth eher die Genuss-Konsumenten als Zielgruppe und kooperiert deshalb auch mit Unternehmen außerhalb des Marihuana-Geschäfts. Für Schlagzeilen sorgte etwa die Zusammenarbeit von Canop und dem Bier- und Spirituosenriesen Constellation Brands (ISIN: US21036P1084). 

Zur neu gewachsenen Hanfbranche zählen auch Unternehmen, die nicht selber anbauen, sondern nur einige der Inhaltsstoffe für ihre Zwecke nutzen. Dazu zählt etwa die Firma New Age Beverages (ISIN: US64157V1089), die Cannabis-Getränke entwickelt. Arzneimittelhersteller wie GW Pharmaceuticals (ISIN: GB0030544687) erforschen die medizinischen Besonderheiten der Hanf-Pflanze, um neue, auf Cannabis basierende Arzneien jenseits des klassischen Pharmageschäfts zu etablieren. Ergänzt wird der Reigen durch Service-Unternehmen, die sich mit ihren Dienstleistungen rund um die Marihuana-Züchter und den Endverbraucher positioniert haben. Dazu zählt etwa der Immobilienfonds Innovative Industrial Properties (ISIN: US45781V1017), der Gewächshäuser vermietet. Oder auch der Verpackungsspezialist KushCo Holdings (ISIN: US50133S1033). 

Die ETF-Industrie greift den Trend auf

Wo sich eine Wachstumsbranche auftut, ist die ETF-Industrie nicht weit. Branchenindizes und die passenden Produkte dazu lassen sich schnell aufsetzen. Und so haben sich recht schnell einige ETFs am Markt etabliert. Die bekanntesten unter den vor allem in den USA aufgelegten Indexprodukten sind der ETFMG Alternative Harvest, der Horizons Marijuana Life Sciences und der AdvisorShares Pure Cannabis ETF. Der jüngste US-ETF ist der im Juli 2019 an der New Yorker Börse emittierte THCX ETF von Innovation Shares. Dieser Fonds überrascht mit zwei Besonderheiten:  Die Zusammensetzung des Portfolios wird monatlich neu ausgerichtet. Zudem sind unter den Aktien keine Tabak- oder Alkohol-Titel. Seit dem 13. Januar gibt es auch einen in Deutschland aufgelegten ETF: Der The Medical Cannabis and Wellness ETF (ISIN DE000A2PPQ08) von der kanadischen Fondsgesellschaft Purpose Investments und dem Investmentunternehmen HANetf investiert in Aktien von Unternehmen, die  im Bereich medizinischer Cannabis-Anwendungen tätig sind. Im ETF befinden sich aktuell 13 Titel, 80 Prozent des von Solactive aufgelegten Medical Cannabis and Wellness Equity Index sind in US-Dollar notiert, der Rest in Kanadischen Dollar. Der ETF kann im Gegensatz zu den oben genannten Produkten an der Deutschen Börse gehandelt werden.

Der Kater nach dem ersten Börsenrausch

Einen Vorwurf kann man den Emittenten des Medical Cannabis and Wellness ETF nicht machen: Der Fonds kommt definitiv nicht auf dem Höhepunkt einer Hausse. Im Gegenteil. Die Euphorie nach dem ersten Kursrausch der Branche ist längst verflogen. Produzenten, Dienstleister und Investoren mussten mittlerweile erkennen, dass das Geschäft mit Genuss-Konsumenten und Patienten, die aus medizinischen Gründen Cannabis anwenden, nicht so schnell wächst wie die Hanf-Industrie. Die Hersteller haben gewaltige Überkapazitäten aufgebaut. Die Kunden können gar nicht so viel kiffen, wie vom Markt angeboten wird. 

Beispiel Kanada: Zwar hat sich der Konsum getrockneten Hanfs seit der Legalisierung innerhalb eines Jahres von 6.350 Kilogramm auf 12.900 Kilogramm mehr als verdoppelt. Doch der Lagerbestand der kanadischen Produzenten stieg im selben Zeitraum von 115.300 auf 389.000 Kilogramm, also um rund 237 Prozent. Selbst wenn sich der Konsum weiterhin jährlich verdoppeln würde, könnten Kanadas Kiffer noch fünf Jahre von den aktuellen Lager-Vorräten der Cannabis-Produzenten zehren. 

Die Folge: Während die Aktienkurse fast aller Branchen weltweit stiegen, haben Cannabis-Aktien und die darin investierten ETFs ihren Investoren im vergangenen Jahr deutliche Kursverluste beschert. Der Horizons Marijuana Life Sciences ETF beispielsweise, der zwischenzeitlich seinen Emissions-Wert fast verdreifachen konnte, notiert mittlerweile unterhalb seines ursprünglichen Ausgabepreises.

Hoffen auf die Trendwende

Was Investoren noch Hoffnung macht: Es gibt noch reichlich Wachstumspotenzial. Weitere US-Bundesstaaten stehen vor einer Legalisierung von Cannabis. Und auch in Europa, das als größter Cannabis-Markt für medizinische Zwecke gilt, ist Bewegung in die Diskussion um eine Legalisierung gekommen. In Deutschland erhielten im vergangenen Jahr erstmals drei Unternehmen die Erlaubnis, auf deutschem Boden Hanf zur medizinischen Verwendung anzubauen. Die erste Ernte wird Ende 2020 erwartet. 

Anleger, die nach der Kurstalfahrt von Cannabis-Aktien nun auf eine Trendwende hoffen, sollten jedoch vorsichtig sein. Der Hype um den Hanf lockt zahlreiche neue Mitspieler auf den Markt. So wollen etwa Südafrika, Lesotho und Simbabwe massiv die Produktion fördern, um eine führende Rolle auf dem Weltmarkt für medizinisches Cannabis einzunehmen. Weitere Länder wie Swasiland, Uganda und Malawi prüfen eine mögliche Legalisierung der Droge für den medizinischen Gebrauch. Die Unternehmen in diesen Ländern profitieren von günstigen klimatischen Bedingungen und niedrigen Produktionskosten. 

Angesichts des bereits bestehenden Überangebots auf dem Weltmarkt ist davon auszugehen, dass die Preise für Cannabis in den kommenden Jahren weiter unter Druck geraten werden – und damit auch die Gewinnmargen der Unternehmen. Deshalb gilt für Anleger zunächst einmal das Kiffer-Mantra: Abwarten. Nichts überstürzen. Morgen ist auch noch ein Tag.