Capital Group: In 2020 auf defensive Aktien setzen?

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Was ist eine defensive Aktie? Das ist eine einfache Frage, auf die es früher eine einfache Antwort gab.

Von Joyce Gordon , Jonathan Knowles & Alan Wilson

Überblick

  • Im Zeitalter der Störungen sind defensive Aktien nicht einfach zu definieren.
  • Traditionell defensive Unternehmen könnten Probleme haben, ihrem Ruf gerecht zu werden.
  • Einige wachstumsorientierte Aktien weisen möglicherweise defensive Merkmale auf.

In den vergangenen Jahren waren defensive Aktien zuverlässige,
konservative und langweilige Anlagen in den Bereichen Basiskonsumgüter,
Versorger und Gesundheitswesen. Diese Unternehmen erzielten stabile
Cashflows, zahlten solide Dividenden und hatten kein „Dot-Com“ im Namen.

In letzter Zeit ist jedoch eine erkennbare Verschiebung
der Ansichten der Anleger darüber zu sehen, was eine defensive Aktie
ausmacht. Viele Unternehmen, die zuvor als defensiv galten – darunter
Lebensmittel-, Tabak- und Telekommunikationsunternehmen – wurden durch
technologische Fortschritte, verändertes Verbraucherverhalten und harten
Wettbewerb in einer globalen Wirtschaft gestört.

Anleger, die vor der nächsten Rezession nach defensiven
Aktien suchen, werden möglicherweise feststellen, dass eine umfassendere
Definition geboten ist.

„Eine defensive Aktie ist eine Aktie, bei der die
Gewinne und Umsätze eines Unternehmens in einer Rezession relativ gut
aufrechterhalten werden können“, erklärt Aktienportfoliomanager Alan
Wilson.

„Die Schlüsselfrage ist also, ob die Unternehmen, die in
der Vergangenheit defensive Merkmale gezeigt haben, dies auch in
Zukunft tun werden. Und da bin ich mir nicht so sicher“, sagt Wilson.
„Das kann zum Großteil von der Ursache des nächsten Abschwungs
abhängen.“

Defensive Aktien
Defensive Aktien
Defensive Aktien

Denkanstoß

Lebensmittelunternehmen galten jahrzehntelang als
klassische defensive Anlagen. Schließlich müssen die Menschen essen –
unabhängig vom wirtschaftlichen Umfeld, in dem sie sich gerade befinden.
Während der Weltfinanzkrise 2008-2009 haben sich einige
Lebensmittelunternehmen im Vergleich zum Gesamtmarkt relativ gut
behauptet. Aber das war, bevor diese Unternehmen von neuen Anbietern wie
Amazon, veränderten Verbrauchergeschmäckern, massiver Konsolidierung
und Konkurrenz durch Startups im Bereich Online-Lebensmittelversand
gestört wurden.

Kraft Heinz ist ein Beispiel für einen Riesen der
Lebensmittelbranche, der stolperte, als die Verbraucher verarbeiteten
Produkten zunehmend frische Lebensmittel und Bio-Produkte vorzogen. Im
Februar nahm Kraft Heinz eine Wertberichtigung in Höhe von 15,4
Milliarden US-Dollar für einige seiner angeschlagenen Marken vor,
darunter Velveeta, Maxwell House und Miracle Whip. Zudem senkte das
Unternehmen seine Dividende um 36 %.

„Traditionelle Branchen wie das Lebensmittelgeschäft
stehen vor einigen Herausforderungen und sind möglicherweise nicht so
defensiv, wie wir einst dachten“, sagt Portfoliomanager Jonathan
Knowles. „Wie so viele andere Branchen durchlebt das
Lebensmittelgeschäft eine Phase der Störung, die die
Investitionslandschaft verändert.“

Ist Angriff die beste Verteidigung?

Knowles glaubt, dass sich die Definition einer
defensiven Aktie in den letzten Jahren geändert hat. Nun können auch
Unternehmen mit starkem Gewinnwachstum, innovativen Produkten,
Preissetzungsmacht und der Fähigkeit dazugehören, den Status Quo in
etablierten Branchen zu verbessern.

„Viele Leute sind vielleicht anderer Meinung“, sagt
Knowles, „aber ich würde behaupten, dass ein Unternehmen wie die
Google-Muttergesellschaft Alphabet einige defensive Merkmale aufweist –
basierend auf dem Cashflow und der dominierenden Position auf dem Markt
für Internetsuchmaschinen.“ Knowles ordnet Facebook ebenfalls dieser
Kategorie zu.

Er fügt hinzu, dass es sich in den meisten Fällen um
wachstumsorientierte Unternehmen handelt, die sich jedoch aufgrund ihres
robusten Ertragspotenzials, ihrer Innovationsfähigkeit und ihrer
relativ attraktiven Bewertungen in einem anhaltenden Abschwung gut
behaupten könnten.

Überprüfung von Wachstumsunternehmen

Defensive Aktien werden oft mit traditionellen
wertorientierten Anlagen in Verbindung gebracht, aber ausgewählte
Wachstumsaktien sollten auf keinen Fall übersehen werden, fügt
Portfoliomanagerin Lisa Thompson hinzu. 

„Wenn man sich einige der relativ geringen
Markteinbrüche anschaut, die wir in den letzten Jahren erlebt haben,
gibt es viele Beispiele für qualitativ hochwertige Wachstumsunternehmen,
die sich besser entwickelt haben als der Gesamtmarkt“, erklärt
Thompson. „Das sind in der Regel Unternehmen mit einem starken
Management und soliden Bilanzen, die durch schwierige Umgebungen
navigieren können.“

Darüber hinaus können einige wachstumsorientierte Titel
antizyklische Merkmale aufweisen. Ein Beispiel ist die CME Group, ein in
Chicago ansässiges Börsenunternehmen, das den Handel mit Derivaten,
Optionen und Futures ermöglicht. Der Umsatz von CME ist in Zeiten
extremer Marktvolatilität tendenziell gestiegen.

Mit zunehmender Handelsaktivität hat sich der Aktienkurs
von CME im Allgemeinen in die gleiche Richtung bewegt – wie im vierten
Quartal 2018, als der S&P 500 um fast 14 % zurückging. In diesem
Zeitraum stieg der Aktienkurs von CME um 12 %.

Aktienkurs von CME
Aktienkurs von CME
Aktienkurs von CME

Versorgeraktien können in einem Abschwung auch solide defensive
Eigenschaften beibehalten, sofern sie von kompetenten, erfahrenen
Managementteams geführt werden und in einem Markt mit einer stabilen
oder wachsenden Bevölkerung operieren.

Suche nach Qualitätsdividenden anstelle von „Wert“

So wie es früher einfacher war, defensive Aktien
zu identifizieren, war es auch relativ einfach, eine defensive
Anlagestrategie für Ihr Portfolio zu wählen – man wechselte einfach zu
einem wertorientierten Index und das war es auch schon.

Für Anleger ist es jedoch wichtig zu verstehen, dass
wertorientierte Aktien nicht immer defensiv sind. Auf dem US-Markt zum
Beispiel zahlen viele Aktien, die in populären Wertindizes enthalten
sind, keine Dividenden und haben keine hohen Kreditratings. Ungefähr 22 %
der Aktien im Russell 1000® Value Index zahlten 2018 Dividenden von
weniger als 0,1 % und ungefähr 40 % der bewerteten Unternehmen in diesem
Index erhielten Ratings von BBB– oder niedriger. Unternehmen mit fragwürdig hoher Verschuldung sind auch keine Seltenheit.

Wert ist nicht immer defensiv
Wert ist nicht immer defensiv
Wert ist nicht immer defensiv

Eine verpasste Schuldentilgung oder eine Herabstufung des Ratings
könnte den Aktienkurs ins Wanken bringen. Eine bessere Strategie könnte
darin bestehen, sich auf Unternehmen von höherer Qualität zu
konzentrieren, die mit größter Wahrscheinlichkeit gleichbleibende
Dividendenzahlungen erzielen, sagt Joyce Gordon, Portfoliomanagerin bei
Capital Group.

„Es kommt alles auf die Grundlagenforschung über
einzelne Unternehmen an“, erklärt Gordon. „Verschiedene Arten von
Unternehmen können in verschiedenen Arten von Märkten Sicherheit vor
Verlusten bieten. Es ist unsere Aufgabe als Anleger, das herauszufinden –
und dafür schauen wir uns ein Unternehmen nach dem anderen an.“