Riester-Renten: Das Ende der doppelten Provisionen

Schlagworte: , , , , , , , , , , , , , ,
Etliche Lebensversicherer haben bei Riester-Rentenversicherungsverträgen Doppelprovisionen erhoben. Dieser Praxis will die BaFin nun einen Riegel vorschieben.

Die Riester-Rente kommt nicht aus den Schlagzeilen. Und in der Regel sind die jeweiligen Analysen und Berichte keine Werbung für diese Art der staatlich subventionierten Vorsorge. Im Gegenteil: Der Verdacht drängt sich auf, dass die Riester-Rente vor allem den Produktanbietern ein sorgenfreies Auskommen im Alter sichern soll und nicht den Vertragsnehmern.

In dieses Bild passt das Ergebnis einer Analyse des Marktwächter-Teams der Verbraucherzentrale Hamburg, die vor einigen Wochen Versicherer befragt hat, ob diese bei zulagenbedingten Beitragsänderungen von Riester-Rentenverträgen erneut Abschluss- und Vertriebskosten erheben würden. Die Antwort: 15 von 34 Versicherern gaben an, dafür eine Gebühr zu erheben. Davon seien insbesondere solche Riester-Sparer betroffen, die für bereits laufende Verträge Kinderzulagen erhalten und entsprechend ihren Eigenbeitrag gesenkt hätten, so die Marktwächter. 

Konkret sieht das in der Praxis so aus: Wer nach dem Wegfall der Kinderzulagen den Eigenbeitrag wieder erhöht, wird oft ein weiteres Mail zur Kasse gebeten. Die Gesamtbeitragssumme bleibt dabei gleich. Die Versicherer verlangen zuerst für die Zulagen nochmals Abschluss- und Vertriebskosten, später für die Beitragswiedererhöhungen, obwohl das alles bereits zu Beginn bezahlt worden war.

Lebensversicherer rechtfertigen sich

Die Lebensversicherer sahen sich bislang im Recht. Ihre Interpretation: Eine Senkung des Eigenbeitrags gelte als Teilbeitragsfreistellungen nach § 165 VVG. Jede Wiedererhöhung des Beitrags werde dann konsequent wie ein Neuabschluss des Vertrags behandelt und führe dann eben zu neuen Kosten. 

Der Effekt: Riester-Sparer mit schwankenden Einkünften und sich entsprechend ändernden Riester-Eigenbeiträgen sowie Riester-Sparer, die nach der jüngst erhöhten Grundzulage ihren Eigenbeitrag entsprechend abgesenkt haben, wurden reihenweise doppelt zur Kasse gebeten.

Aufsichtsbehörde schreitet ein

Keine Frage: Die doppelte Erhebung von Vertriebskosten führt zu spürbaren finanziellen Einbußen bei Riester-Sparern – insbesondere dann, wenn sie Kinder haben. Das ist natürlich nicht das, was der Gesetzgeber im Sinn hatte. Das Ziel der Riester-Rente war schließlich ursprünglich, eine flexible, transparente und in den Kosten klar geregelte Altersversorgung zu schaffen. Das wird durch die Praxis vieler Versicherer konterkariert. 

Deshalb hat sich nun die BaFin des Themas angenommen. Die Finanzaufsicht wollte selbst herausfinden, wie verbreitet das Problem der doppelten Kostenberechnung tatsächlich ist und erkundigte sich in einer Stichprobe bei 20 Lebensversicherungsunternehmen nach den rechtlichen Grundlagen der angewandten Doppelprovisionen. 

Allerdings diente die Anfrage nicht nur statistischen Zwecken. Die Aufsichtsbehörde hat Unternehmen, die Doppelprovisionen berechnen, auf das Schreiben des Bundesministeriums der Finanzen (BMF) vom 14. März 2019 (Randziffer 29) hingewiesen, wonach diese Praxis unwirksam ist. 

Die Verbraucherschutzabteilung der BaFin hat sich von allen betroffenen Unternehmen schriftlich zusichern lassen, dass diese in Zukunft keine Doppelprovisionen mehr erheben werden. Gleichzeitig sollen Kundenbeschwerden zu bereits erhobenen erneuten Abschluss- und Vertriebskosten im Sinne der Verbraucher behandelt werden. 

Die BaFin geht nun davon aus, dass in der Praxis eine Doppelprovisionierung bei den Riester-Rentenversicherungsverträgen nicht mehr stattfinden wird.

PIM Gold: Noch mehr schlechte Nachrichten für Anleger

Schlagworte: ,
Buchführung mit Lücken, fehlende Goldbestände: Nach einer ersten Bestandsaufnahme des vorläufigen Insolvenzverwalters beim hessischen Skandal-Edelmetallhändler PIM Gold müssen sich Anleger auf ein langes Verfahren einstellen.

Im Trauerspiel um
den Edelmetallhändler PIM Gold aus dem hessischen Heusenstamm läuft der nächste
Akt: Nachdem der vorläufige Insolvenzverwalter Anfang Oktober seine Arbeit
aufgenommen hat, kommen nun Details ans Licht. Der mit der Insolvenzverwaltung
betraute Rechtsanwalt hat sich einen Überblick über Gold- und
Edelmetallbestände in Depots und im Unternehmen selbst verschafft und eine
frühere Meldung des Informationsdienstes „Investmentcheck“ bestätigt. Demnach
konnten bislang rund 500 Kilogramm Gold in Form von Barren, Münzen und Schmuck
aufgefunden werden, deren Echtheit und Wert nun ein Gutachter prüft, berichten
Manager Magazin Online und andere Medien übereinstimmend mit Bezug auf eine
entsprechende Pressemitteilung des vorläufigen Insolvenzverwalters und
Rechtsanwalts Renald Metoja von der Kanzlei Eisner Rechtsanwälte.

Buchhaltung nicht auf dem neuesten Stand

Den Berichten
zufolge hat der Verwalter damit begonnen, die Buchhaltung des Unternehmens
auszuwerten. Man durchforste sämtliche Unterlagen, um Zahlungsströme
nachzuvollziehen, heißt es. Zudem sichere man elektronische Daten auf
Festplatten und Servern, auch Emails würden gespeichert. „Das ist eine
Fleißarbeit, die voraussichtlich Wochen in Anspruch nehmen wird“, sagte Metoja.
Nach ersten Erkenntnissen
ist die Buchhaltungen für die vergangenen beiden Jahre lückenhaft und nicht auf
dem neuesten Stand.

Die
Staatsanwaltschaft Darmstadt ermittelt gegen Verantwortliche des Unternehmens wegen
Betruges, der Geschäftsführer von PIM Gold sitzt bereits in Untersuchungshaft.
Vermutet wird, dass er ein Schneeballsystem aufgebaut hat, und mit dem Geld
neuer Kunden Vertriebsprovisionen ge- und Altkunden ausgezahlt hat, statt dafür
wie vereinbart Gold zu kaufen. Einem früheren Bericht der FAZ zufolge hat das
Unternehmen von Anlegern Geld für den Kauf von rund 3,4 Tonnen Gold eingesammelt,
für umgerechnet rund 150 Millionen Euro – und Anlegern eine Zusatzrendite
versprochen, wenn sie das Edelmetall bei PIM Gold einlagern. Nach Information
des vorläufigen Insolvenzverwalters Metoja haben vor allem Kleinanleger bei PIM
Gold gekauft, entsprechend groß ist der Kreis potentiell Geschädigter: Schätzungen
zufolge könnten rund 10.000 Anleger von einer Pleite betroffen sein. Wie viel
Geld sie wiederbekommen, ist derzeit nicht absehbar. Im Dezember soll das
Insolvenzverfahren eröffnet werden, dann können Gläubiger ihre Ansprüche geltend
machen. Die nun bestätigte Menge von 500 Kilogramm Gold entspricht allerdings
nur einem Bruchteil des von Anlegern investierten Geldes. Mit welcher Quote die
Geschädigten rechnen können, ist bislang nicht absehbar, das Insolvenzverfahren
selbst dürfte Jahre dauern (siehe auch  https://www.fundresearch.de/gold/neue-gold-funde-bei-pim-gold.php).

 

 

Steht Libra vor dem Aus? – Wichtige Partner verabschieden sich von dem Projekt

Schlagworte: ,
Herber Rückschlag für Facebooks geplante Kryptowährung: Immer mehr Unternehmen kehren dem Vorhaben mittlerweile den Rücken. Zudem verstärkt sich der Gegenwind aus der Politik. Damit stellt sich die Frage, ob Libra überhaupt das Licht der Welt erblickt.

Abschied auf Raten

Wichtige Firmen, die beim Kryptowährungsprojekt von Facebook mit an Bord waren,
springen nun ab. Nachdem PayPal den Anfang machte und seinen Rückzug erklärt
hatte, verabschieden sich nun eBay, Visa, Mastercard und der
Online-Zahlungsdienstleister Stripe. Der Zeitpunkt kam nicht von ungefähr. Am
heutigen Montag tagt die in Genf ansässige Libra Association zu
organisatorischen Fragen über die weitere Entwicklung des Projekts. Besonders
schmerzhaft dürfte für Facebook der Rückzug von Visa und Mastercard sein. Die
Firmen hätten der Kryptowährung eine wichtige Schnittstelle zum traditionellen Zahlungsdienstleistungssektor
geboten.

Politischer Druck

Am 23. Oktober wird sich Facebook-Chef Zuckerberg in einem Ausschuss des
US-Repräsentantenhauses über Libra äußern. Klar ist, dass der Druck seitens der
Politik in den USA auf Unternehmen immer stärker geworden ist, das Projekt
fallenzulassen. So kündigten US-Senatoren in einem offenen Brief an die CEOs
von Unternehmen, die Facebook bei der Umsetzung unterstützen wollten, an, dass diese
mit massiver Kontrolle ihrer kompletten Zahlungsaktivitäten rechnen müssten. Starken
Regulierungsdruck kündigte auch die Bank of England an und äußerte die
Befürchtung, dass möglicherweise durch Libra die Stabilität des Finanzsystems
in Frage gestellt werden könnte. In Deutschland sieht Bundesfinanzminister
Scholz die Souveränität der Staaten bei der Ausgabe von Währungen durch Libra in
Gefahr. Politiker fürchten zudem, dass die Kryptowährung verstärkt zur
Geldwäsche und Terrorfinanzierung genutzt werden könnte. Facebook versucht die kritischen
Stimmen zu entkräften. Libra soll, zur Gewährleistung von Stabilität, über
Staatsanleihen und einen Korb von Hart-Währungen abgesichert werden. Zudem
wolle man sich sinnvollen Regulierungsbestrebungen nicht verschließen, so
Facebook.

Ungewisse Zukunft

Der ehemalige PayPal-Chef David Marcus, der bei Facebook für die Entwicklung
des Libra-Projekts verantwortlich ist, versucht weiter Optimismus zu verbreiten
und äußerte, dass durch den Abgang der Partner keine voreiligen Schlüsse zum
Schicksal von Facebooks Kryptowährungs-Plan gezogen werden könnten. In einer
Studie der DZ-Bank weist die Genossenschaftsbank darauf hin, dass es noch
völlig unklar ist, welche Rolle Libra im Finanzsystem spielen wird und welche
Gefahren daraus resultieren können. Wenn Facebook als weiterer Konkurrent zu
bisherigen Zahlungsdienstleistern, nur eben auf Basis einer Kryptowährung,
auftreten würde, wäre der Einfluss auf das Finanzsystem gering. Am stärksten
wäre die Gefahr, wenn Libra verstärkt im Alltag genutzt und nationale Währungen
durch Umtausch in die Kryptowährung an Bedeutung verlieren würden. In diesem
Fall könnte aus Sicht der DZ-Experten die Steuerungsfunktion der Notenbanken in
der Geldpolitik leiden.

Die Notenbanken schlagen zurück

Während Politiker vorrangig die Regulierung von Libra im Auge haben, denken
Notenbanken über die Emission von eigenen Crypto-Coins nach. In einer
Untersuchung der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, die selbst zu den stärksten
Gegnern von Kryptowährungen gehört, wird darauf verwiesen, dass die Mehrheit
der Notenbanken an entsprechenden Projekten arbeitet. Allerdings ist ungewiss,
ob die Pläne tatsächlich realisiert werden. Gegenwind für Libra dürfte auch aus
China bekommen. Die chinesische Regierung würde wohl nicht tatenlos zusehen,
dass eine Kryptowährung mit globaler Bedeutung unter Führung US-amerikanischer
Unternehmen eingeführt wird. Die Frage, ob Libra ein Erfolg wird oder Facebook
mit diesem Projekt als Tiger gesprungen und als Bettvorleger enden wird, ist
offen. Klar ist, dass momentan Akteure aus Wirtschaft, Politik und Notenbanken
vor dem Hintergrund unterschiedlicher Interessen miteinander konkurrieren, und
das mit offenem Ausgang.

Warum Frau Georgiewa wieder Beethoven hört

Schlagworte: , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,
FundResearch blickt auf die letzte Woche zurück und gibt einen Ausblick auf künftige Ereignisse. Im Fokus diesmal: Die erste öffentliche Rede Kristalina Georgiewas als IWF-Chefin.

Rückblick auf die vergangene Woche

Seit Oktober 2019 ist Kristalina Georgiewa geschäftsführende Direktorin des Internationalen Währungsfonds (IWF). In der vergangenen Woche hat sie ihre erste öffentliche Rede in dieser Funktion gehalten. 

Glaubt man einem Bericht der Financial Times, hört die bulgarische Ökonomin vor schwierigen Auftritten, Entscheidungen oder harten Auseinandersetzungen gerne Beethovens fünfte Symphonie. Es ist anzunehmen, dass die neue IWF-Chefin auch vor ihrem Auftritt Anfang vergangener Woche die passende Dosis Beethoven in ausreichender Lautstärke eingenommen hat. Denn sie zeichnete gleich zum Auftakt ihrer Amtszeit mit ausgesprochener Verve ein düsteres, fast apokalyptisches Bild der Weltwirtschaft. Kristalina Georgiewa verwies auf die anhaltenden Handelskonflikte, die dazu führten, dass der IWF für dieses Jahr mit dem schwächsten Wirtschaftswachstum seit Beginn des Jahrzehnts rechne und deshalb seine offiziellen Prognosen für dieses und das nächste Jahr nach unten korrigieren werde. Die Welt befände sich in einer Phase der „synchronen Abschwächung“, lautete ihre schlimme Analyse.

Doch Georgiewa analysierte nicht nur, sondern sie erhob auch Forderungen. Für Länder mit fiskalischem Spielraum wie Deutschland, die Niederlande und Südkorea sei es nun an der Zeit, mit höheren Ausgaben gegenzusteuern. Vor allem zusätzliche Ausgaben in den Bereichen Infrastruktur und Forschung hätten das Potenzial, das Wachstum zu fördern. 

Das ist keine neue Forderung. Erstaunlich ist allerdings, dass Georgiewa diese Forderung als Chefin des IWF ausspricht. Zur Erinnerung: Der Internationale Währungsfonds wurde nicht als Aufsichtsorgan für die Industriestaaten gegründet. Der Fonds soll für internationale Währungs-Stabilität sorgen und greift notleidenden Regierungen deshalb auch mal unter die Arme – allerdings nur unter strengen finanzpolitischen Auflagen. Harte Haushaltsführung, Stärkung offenen Handels und freien Wettbewerbs, Abbau von staatlichen Subventionen und Senkung des Staatsanteils an der Wirtschaft eines Landes gehören zum Standardrepertoire im Rahmen der IWF-Forderungen für die Gewährung und Vergabe von Krediten.

Man kann aus den Worten Georgiewas deshalb zwei unterschiedliche Schlüsse ziehen: Entweder sie schwört den IWF gerade auf einen neuen Kurs ein, in dem sich der Währungsfonds von dem Gedanken verabschiedet, dass eine konsequente Austeritätspolitik Länder aus der Krise führen kann. Oder Kristalina Georgiewa muss sich erst noch an den Gedanken gewöhnen, dass sie jetzt IWF-Chefin ist. Ein wenig Eingewöhnungszeit sollte man ihr vielleicht tatsächlich zugestehen. In der Zwischenzeit lohnt es sich, Bach zu hören, vielleicht die Orchestersuite Nr. 3. Die eignet sich hervorragend als beruhigender Ausgleich zu Beethovens fünfter Sinfonie. 

Ausblick auf die wichtigsten Termine in dieser Woche

Am Dienstag veröffentlicht das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) die Konjunkturerwartungen für Deutschland. Die Zahlen werden vermutlich kaum besser sein als das prognostizierte Wetter für diesen Tag: überwiegend bewölkt, mit hoher Wahrscheinlichkeit regnet es. Mit etwas Glück bricht mal die Sonne für ein paar Minuten durch. Für gute Laune reicht es aber nicht. 

Am Mittwoch erklärt die Statistikbehörde Eurostat die Entwicklung der Verbraucher- und Erzeugerpreisindizes in Europa und in den einzelnen Ländern der Eurozone. Gleichzeitig veröffentlicht National Statistics in Großbritannien die Zahlen für das britische Königreich. Erwartet wird, dass die britischen Zahlen 50 bis 100 Prozent über den Werten der Eurozone liegen. Das hört sich auf den ersten Blick viel an. Da sich die Kernrate der Verbraucherpreise in der Eurozone jedoch im Bereich von einem Prozent Steigerung bewegen, muss man konstatieren, dass Großbritannien mit erwarteten 1,7 bis 2 Prozent näher am erklärten Inflations-Ziel der EZB liegt als die Länder der Eurozone.

Am Donnerstag wird eine Reihe von statistischen Daten zur Entwicklung der US-Wirtschaft veröffentlicht, darunter die Kapazitätsauslastung, die Industrieproduktion und Zahlen zum Arbeitsmarkt. Die Erwartungen sind gedämpft. Es gibt im Moment keinen Bereich der US-Wirtschaft, in dem steigende Wachstumsraten zu erhoffen sind.

Am Freitag veröffentlicht die EZB die Leistungsbilanzdaten für die Eurozone. Die Stimmung ist zwar mies, doch immerhin ist noch mit einem Leistungsbilanzüberschuss in zweistelliger Milliardenhöhe zu rechnen. Deutschland trägt einen nicht unwesentlichen Teil dazu bei. Man stelle sich vor, es wäre nicht so…

Keine Angst vorm Mietendeckel

Schlagworte: , , ,
Die Debatte um den Berliner Mietendeckel hat längst auch die Kapitalmärkte erreicht. Anleger reagieren verschreckt auf die Pläne des Senats. Finanzprofis dagegen sehen in dem landesweiten Preisdeckel sogar Chancen für Investoren.

Die Zinsen aufs Baugeld sind
historisch niedrig und Wohnraum weiterhin knapp – eigentlich könnte die Lage
für Wohnungsunternehmen kaum besser sein. Dennoch ist von Euphorie in der
Branche wenig zu spüren: Immobilienaktien gehörten in diesem Jahr zu den großen
Verlierern, allein die Deutsche Wohnen kommt auf ein Minus von 14,6 Prozent im
Vergleich zum Vorjahr. Treiber des Kursrutsches ist die jüngste Politisierung
des Wohnungsthemas. Vor allem in Berlin ist die Lage extrem. Dort will der
Senat einen landesweiten Mietendeckel einführen, der nach einem ersten Entwurf
der Linkspartei die Miete auf maximal sechs Euro pro Quadratmeter begrenzen
soll – unabhängig von der Lage.

Branchenvertreter
bezeichnen den Gesetzesentwurf als bizarr, realitätsfern und warnen vor
katastrophalen Folgen für den Immobilienstandort Deutschland. „Jeden Tag
ereilen uns neue Horror-Meldungen aus Berlin. Das schadet der Außenwirkung 

Berlins, den Mietern und vergrätzt
Wohnungsbauwillige“, sagt Andreas Mattner, Präsident des Zentralen
Immobilien-Ausschusses (ZIA). Ein Mietendeckel, sollte er kommen, signalisiere
Stillstand und „einen Wechsel im politischen und wirtschaftlichen System der
Bundesrepublik“. Inländische wie internationale Investoren würden sich aus dem
Berliner Markt zurückziehen – mit gravierenden Folgen für den
Wirtschaftsstandort. „Mit einer Regulierung, die stranguliert, vernichtet der
Senat Vertrauen und den Tatendrang der Menschen, die hierher kommen, um Neues
zu schaffen“, sagt Mattner.

Finanzprofis beobachten die Entwicklungen
in Berlin mit gemischten Gefühlen. „Angesichts stetig steigender Mieten in den
Ballungsräumen ist es verständlich, dass Politiker radikaler vorgehen und
Mieten stärker regulieren oder ganz einfrieren wollen“, sagt Hagen Ernst,
stellvertretender Leiter des Bereichs Research und Portfoliomanagement bei DJE
Kapital. Derartige Eingriffe seien jedoch riskant. „In Berlin ist die
Investorenunsicherheit mittlerweile so groß, dass der Transaktionsmarkt nach
Bekanntwerden des Mietendeckels komplett zusammengebrochen ist. Es ist zu
befürchten, dass sich die ohnehin schon nicht ausreichende Neubautätigkeit
deutlich reduziert.“

B-Städte als Alternative

Für Immobilienanleger dagegen bietet
die Diskussion um Mietendeckel und Co interessante Einstiegsmöglichkeiten. Vor
allem Wohngesellschaften mit Schwerpunkt Berlin notieren derzeit stark unter
ihrem Vermögenswert, beobachtet der Anlageprofi. „Der Markt hat bereits eine
Preiskorrektur um 20 Prozent vorweggekommen“, sagt Ernst. Bis zum Beginn der
Diskussion um die Deckelung sind die Immobilienpreise aber sogar weiter
angestiegen. Angesichts der Wohnungsknappheit und den extrem niedrigen Zinsen
sei darum keinesfalls sicher, ob eine derartige Preiskorrektur wie sie die
Kapitalmärkte aktuell erwarten wirklich kommt.

Wer das Risiko scheut, kann sich auf
Unternehmen mit Fokus auf sogenannte B-Städte konzentrieren. Abseits der
Metropolen ist das regulatorische Risiko gering, zudem weisen Immobilien in
derartigen Standorten immer noch eine relativ hohe Rendite auf. Dadurch könnten
viele Wohnungskonzerne eine Dividendenrendite von drei bis vier Prozent
ausschütten, sagt Ernst.

Aus für Nahles-Rente? – Was Berater über Altersvorsorge wissen müssen

Schlagworte: ,
Nach der Riester- und der Rürup-Rente wurde die Nahles-Rente zur Ergänzung der gesetzlichen Altersversorgung auf den Weg gebraucht. Möglicherweise kommt allerdings das baldige Aus für das bislang erfolglose Konzept.

Ohne
Akzeptanz

Hinter dem Begriff der Nahles-Rente versteckt sich ein Modell der ehemaligen
Bundesarbeitsministerin und Ex-SPD-Vorsitzenden Andrea Nahles, das im
Betriebsrentenstärkungsgesetz (BRSG) 2017 auf den Weg gebracht wurde und zum
überwiegenden Teil am 1. Januar 2018 in Kraft getreten ist. Das Konzept basiert
auf einem Sozialpartnermodell, d. h. die Tarifpartner sollten sich weitgehend
autonom über die Umsetzungswege einer Zielrente ohne Rendite- und Beitrags-Garantie
einigen. Nach 22 Monaten blieb die Nahles-Rente bislang ohne Erfolg.

Pay and forget

Die Regelungen zur betrieblichen Altersversorgung (bAV) im
Betriebsrentenstärkungsgesetz standen von Anfang an unter Beschuss. Das „pay
and forget“-Konzept sieht eine reine Beitragszusage vor, d.h. die Arbeitgeber müssen
sich nicht um Renditen oder den Erhalt der Beiträge kümmern. Vor dem
Hintergrund von Niedrig- und Negativzinsen bei Anleihen sollten Renditechancen
erhöht werden. Durch den gesetzlich vorgeschriebenen Wegfall der Garantien für
die Höhe der Rentenzahlungen und den Erhalt der Beiträge kann verstärkt in
renditestärkere, aber auch schwankungsintensivere Anlageklassen wie Aktien investiert
werden. Die Entbindung von der Haftung sollte kleinere und mittlere Unternehmen
dazu animieren, eigene Betriebsrenten anzubieten. Allerdings hat das Gesetz vor
die Eigeninitiative der Unternehmen die tarifvertragliche Einigung gesetzt. In
der verpflichtenden Zusammenarbeit zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften
liegt auch der Grund für die bisherige Erfolglosigkeit des
Betriebsrentenstärkungsgesetzes.

Schluss mit dem Sozialpartnermodell?

Aufgrund der Uneinigkeit der Tarifparteien ist noch kein einziger Vertrag
zustande gekommen, möglicherweise wird es dazu auch nicht mehr kommen. Kritik
kam von den Gewerkschaften an dem gesetzlich vorgegebenen Ausschluss von
Garantien, aber auch an den verstärkten Aktien-Investments. Dabei wird allerdings
gerne vergessen, dass Garantien durch die hohen Kosten zu den starken
Renditekillern bei den Altersvorsorgeverträgen zählen. Zudem wurde an der
Nahles-Rente bemängelt, dass die Unternehmen durch die Zielrente via
Beitragszusage völlig aus der Haftung genommen werden. Klar ist: Ohne die
Gewerkschaften geht im Sozialpartnermodell nichts. Ein wichtiger Impuls, ob die
Nahles-Rente noch eine Zukunft hat, dürfte vom Kongress der IG Metall, der noch
bis 12. Oktober in Nürnberg stattfindet, ausgehen. Hier zeichnet sich jedoch ab,
dass die mächtige Einzelgewerkschaft vor allem auf eine höhere gesetzliche
Rente setzt. Allerdings bleibt die Finanzierung des Gewerkschafts-Wunsches weitgehend
unklar. Möglicherweise stellt die Bundesregierung die Nahles-Rente in ihrer
bisherigen Form bald aufs Abstellgleis. Die Kommission „Verlässlicher
Generationenvertrag“, die die Regierung zu dem Thema berät, tendiert zu einer gesetzlich
verpflichtenden Neuregelung.

Finanzprofis nehmen Nachhaltigkeit zunehmend ernst

Schlagworte: , , , , , ,
Die Bedeutung nachhaltigen Investierens nimmt bei nahezu allen Investment Professionals in Deutschland zu. Gleichzeitig fordern die Profis, dass die Entscheidungsfreiheit der Anleger nicht eingeschränkt werden sollte.

Die EU-Kommission hat sich auf die Fahnen geschrieben, mithilfe tiefgreifender regulatorischer Initiativen nachhaltiges Investieren in der Europäischen Union zu fördern. Die Geldströme sollen in grüne Investments umgelenkt werden. Als wirkungsvollen Hebel dafür will die EU Finanzberater in die Pflicht nehmen, ihren Kunden mehr nachhaltige Anlagen zu empfehlen. Ein Effekt dieser Initiative ist bereits deutlich sichtbar: Die Emittenten von Finanzprodukten erweitern ihre Palette um ausdrücklich nachhaltige Fonds – oder sie stellen gar ihr komplettes Produktangebot um. 

Da stellt sich die Frage: Handelt die Finanzgemeinde aus Überzeugung? Oder beugt sie sich nur dem regulatorischen Druck aus Brüssel? Um diese Frage zu klären, hat die DVFA Kommission Sustainable Investing (SI) deutschlandweit Investment Professionals befragt, um die herrschende Stimmung zur Thematik nachhaltigen Investierens zu erfassen und deren Meinungen zu verschiedenen Aspekten zu bündeln. Die Ergebnisse lassen aufhorchen:

Zunächst einmal belegen die Ergebnisse der Umfrage die zunehmende Bedeutung nachhaltigen Investierens. So nehmen 98,1 Prozent der befragten Investment Professionals in ihrem beruflichen Umfeld eine zunehmende Relevanz des Themas wahr. Zudem bestätigt die Mehrheit der Investment Professionals (58,8 Prozent), dass ihre Kunden verstärkt nach nachhaltigen Anlagen fragen. Immerhin 31,4 Prozent antworteten mit „manchmal“ und lediglich 9,8 Prozent verneinten dies.

Rendite und Nachhaltigkeit kein Widerspruch

Zudem teilen 37,5 Prozent der Befragten die Auffassung, dass die Berücksichtigung von Nachhaltigkeitskriterien den wirtschaftlichen Erfolg und den finanziellen Ertrag von Investitionen nicht beeinträchtigt. 16,3 Prozent waren der gegenteiligen Ansicht, 46,2 Prozent antworteten mit „fallweise“.

Noch deutlicher war die Reaktion auf die Behauptung, dass ESG-Faktoren bei Investmententscheidungen stärker berücksichtigt würden. Hier stimmten 68,6 Prozent zu, 25,5 Prozent antworteten mit „manchmal“, und nur 5,9 Prozent verneinten.

Zudem zeigt die Befragung, in welchen Assetklassen ESG-Kriterien bereits berücksichtigt werden. Das Ergebnis: Aktien (34,7 Prozent), Anleihen (28,7 Prozent), Immobilien (14,9 Prozent), Infrastruktur (12,3 Prozent), Rohstoffe (7,5 Prozent) und Hedgefonds (1,9 Prozent).

Auf die Frage, ob es richtig sei, Institutionelle Investoren und Asset Manager dazu zu verpflichten, gegenüber ihren Endanlegern transparent über die Berücksichtigung von ESG-Faktoren bei der Auswahl ihrer Anlagen zu berichten, antworten 61,5 Prozent mit ja, 21,2 mit „fallweise“, und 17,3 Prozent mit nein. Darüber hinaus halten es 46,2 Prozent der Befragten für richtig, das Finanzsystem so zu reformieren, dass privates Kapital in nachhaltiges Wirtschaften umgelenkt wird und das Finanzsystem so Teil der Lösung für eine umweltverträglichere und nachhaltigere Wirtschaft wird. 37,5 antworteten mit „fallweise“, 16,3 Prozent lehnten das ab.

Forderung nach Nachhaltigkeit ohne Zwang

Zwar sind die meisten Finanzprofis davon überzeugt, dass nachhaltiges Investieren sinnvoll ist. Doch sie wollen ihre Kunden nicht bevormundet wissen: 81,7 Prozent der Befragten sind der Auffassung, dass die Anwendung der EU-Taxonomie die grundsätzliche Entscheidungsfreiheit des Anlegers nicht einschränken dürfe. Ebenso müsse eine EU-weit harmonisierte Taxonomie nach Ansicht von 53,8 Prozent der Investment Professionals die Vielfalt von Ansätzen berücksichtigen. Andere Nachhaltigkeitsauslegungen müssten möglich bleiben.

Ebenso sollte nach Ansicht von 68,3 Prozent der Befragten die Klassifizierung nicht dazu führen, dass ganze Wirtschaftsbranchen, Unternehmen oder einzelne Wertschöpfungsglieder pauschal als nicht nachhaltig eingestuft werden, wenn Teile der Wertschöpfungs- oder Lieferkette nicht der Nachhaltigkeitsdefinition entsprechen. Ferner betrachten 69,2 Prozent es als unbedingt notwendig, dass Unternehmen, Projektentwickler und weitere Stakeholder entsprechende Daten gemäß der Taxonomie bereitstellen, damit Investoren ihre Anlageobjekte nach der EU-Taxonomie beurteilen und darüber berichten können. Nur 6,7 Prozent halten das für verzichtbar.

Ein Weg mit Hindernissen

Befragt, wo sie Hindernisse auf dem Weg zu einer nachhaltigen Ausrichtung der Finanzindustrie sehen, antworten die Investment Professionals:

  • Mangel an einheitlichen Standards und Definitionen (76,2 Prozent)
  • Fehlende Integration in herkömmlichen Analyse- und Bewertungsmodelle (60,6 Prozent)
  • Wissens- und Erfahrungsdefizit vieler Akteure in der Finanzindustrie (59,6 Prozent)
  • Übermäßig viele Initiativen, die zu Verwirrung führen (51,9 Prozent)
  • Ungenügende Unternehmensberichterstattung zu Nachhaltigkeitskriterien, die Auswirkung auf Geschäftsmodelle / Finanzkennzahlen haben (47,1 Prozent)
  • Mangelnde Vertrautheit vieler Vorstände und Aufsichtsräte mit Nachhaltigkeitsanforderungen (46,2 Prozent)

Neue Gold-Funde bei PIM Gold

Schlagworte:
Der Goldhändler PIM Gold soll 10.000 Kunden Gold verkauft haben, das er womöglich gar nicht besitzt. Die Firma hat Insolvenz angemeldet – ob Anleger ihr Geld zurückbekommen, ist trotz neuer sichergestellter Goldbarren fraglich.

Gold gilt für viele Anleger als
krisenfestes Investment. Umso größer dürfte der Schock sein, wenn das
Edelmetall plötzlich selbst zum Krisenfall wird. So geschehen bei dem
mutmaßlichen Betrug des Goldhändlers PIM Gold: Die Firma im hessischen
Heusenstamm soll ihren Kunden Gold verkauft haben, das sie womöglich gar nicht
hat. Die Staatsanwaltschaft Darmstadt ermittelt. Rund 10.000 Anleger sollen
betroffen sein – und bangen nun um das Geld, das sie in die angeblich existierenden
Goldbarren des Unternehmens investiert haben. Denn PIM Gold hat im September
gemeinsam mit seiner Vertriebsgesellschaft Premium Gold Deutschland GmbH
Insolvenz angemeldet. Es ist fraglich, ob die Insolvenzmasse ausreicht, um den
Forderungen aller geprellten Kunden nachzukommen.

Wie die Frankfurter Allgemeine
Zeitung (FAZ) berichtet, sammelte PIM Gold jahrelang Anlegergeld für den Kauf von
3,38 Tonnen Gold ein – das entspricht aktuell etwa 150 Millionen Euro. Das
Unternehmen soll aber einen Großteil des Goldes womöglich gar nicht besitzen,
befürchtet die Staatsanwaltschaft Darmstadt. Das Handelsblatt spricht von einem
Schneeballsystem, das die Firmenverantwortlichen rund um den Geschäftsführer
Mesut P. betrieben haben sollen. Der Goldhändler soll das Geld neuer Kunden
dafür verwendet haben, alte Kunden auszuzahlen und Provisionen der Vermittler
zu finanzieren. Schon im Juli berichteten Medien über erste Ermittlungen gegen
PIM Gold, nachdem ein ehemaliger Mitarbeiter Strafanzeige gestellt hatte. Die
Staatsanwaltschaft hatte daraufhin das Unternehmen und seine Goldlager
durchsucht, sämtliche Vermögenswerte beschlagnahmt und den Geschäftsführer in
Untersuchungshaft genommen.

Vor allem Kleinanleger wurden geprellt

Betroffen von dem mutmaßlichen
Betrugsskandal sind vor allem Kleinanleger, an die sich die Angebote von PIM
Gold hauptsächlich gerichtet hätten, teilte Insolvenzverwalter Renald Metoja in
einem öffentlichen Rundbrief seiner Kanzlei Eisner Rechtsanwälte mit. Der
Goldhändler hatte Anlegern eine zusätzliche Rendite versprochen, wenn sie das
vermeintlich gekaufte Gold bei ihm einlagerten, schreibt die FAZ. Angesichts
dieses verlockenden Angebots ließen sich viele Kunden das Gold nicht
aushändigen – und erkannten den mutmaßlichen Betrug nicht.

Das Insolvenzverfahren soll Anfang
Dezember beginnen, dann können Geprellte ihre Forderungen stellen, kündigte
Insolvenzverwalter Metoja an. Das Verfahren wird voraussichtlich Jahre dauern. Trost
könnte der neueste Goldfund bei PIM Gold spenden: Die ermittelnden
Staatsanwälte haben weitere Barren in einem Schmuckladen in Stuttgart
sichergestellt. Damit lagern nun 500 Kilogramm Gold im Wert von 22 Millionen
Euro bei der Staatsanwaltschaft, berichtet das Finanzportal Investmentcheck. „Gegenüber
den vermutlich eingegangenen Lieferverpflichtungen von 3,38 Tonnen bleibt der
Fehlbestand allerdings immens“, heißt es dort weiter. PIM-Gold-Kunden müssen
also weiter bangen.

Wie Finanzberater das Thema Pflegekosten angehen können

Schlagworte: , , , , , , , , ,
Die Kosten einer möglichen Pflegebedürftigkeit spielen bei Beratungen zur Altersvorsorge selten eine Rolle. Das ist ein Fehler. Denn die Pflegeversicherung deckt nur einen Teil der drohenden Kosten ab.

Wenn Finanzberater mit ihren Kunden über Strategien zur Altersvorsorge sprechen, geht es bei der Bedarfsanalyse in der Regel darum, herauszufinden, wie viel Geld nach dem Ausscheiden aus dem Berufsleben nötig ist, um den Lebensstandard zu halten. Bei der Risikoanalyse werden unter anderem auch vorzeitige Berufsunfähigkeit, eventuelle schwere Krankheiten und selbstverständlich der Todesfall mit Möglichkeiten der Absicherung für die Hinterbliebenen berücksichtigt. 

Was es jedoch kostet, selbst pflegebedürftig zu werden und welche finanziellen Belastungen das bedeutet, ist selten Teil von Beratungsgesprächen. Kein Wunder: Laut einer Emnid-Umfrage im Auftrag der Postbank glauben immerhin 43 Prozent der Bevölkerung, dass die gesetzliche Pflegeversicherung die Kosten für einen vollstationären Pflegeplatz in voller Höhe übernimmt. Doch diese Annahme geht weit an der Realität vorbei. Das erfahren derzeit immer mehr Menschen der Generation 50-Plus, die gerade durch ihre Eltern damit konfrontiert werden. 

Das Thema ist deshalb hoch aktuell. Wer sich mit dem Thema Pflegekosten ernsthaft auseinandersetzt, begreift schnell, dass die Pflegeversicherung eine gute Erfindung ist. Aber sie ist nur eine Hilfe, keine vollständige Lösung. Wer pflegebedürftig wird, kann je nach Schwere schnell an seine finanziellen Grenzen stoßen. Deshalb lohnt es sich, bei Gesprächen zur Altersvorsorge dieses Thema explizit zu erwähnen und die Risiken einzukalkulieren.

Hohe Sparbeträge für spätere Alters-Risiken

Die Liste der Kosten, die über die reine Pflegeleistungen hinausgehen, ist lang: Dazu gehören etwa eine Unterbringung im Heim, Aufwendungen für Mobilität oder Umbaumaßnahmen der Wohnung. Beispielhaft hat der FPSB Deutschland einmal ausgerechnet, welche Beträge da zusammenkommen können: Bei einem Eigenanteilssatz von monatlich 1.800 Euro für ein Pflegeheim (die gesetzliche Pflegeversicherung ist hier bereits berücksichtigt) in der Pflegestufe II ist noch lange nicht Schluss. Denn bei diesen Kosten handelt es sich um die reinen Unterbringungskosten. Aufwendungen für eventuell zeitlich begrenzte weiterlaufende Mietzahlungen nach einem Umzug, zusätzliche Fahrtkosten, Medikamentenzuzahlungen und soziales Leben sind noch zu addieren, sodass die Autoren der Analsye von einem Durchschnittswert von insgesamt mindestens 2.500 Euro monatlich ausgehen. Bei einer durchschnittlichen Pflegezeit von sieben Jahren – Tendenz steigend – führe das schnell zu Aufwendungen in Höhe von 210.000 Euro, rechnet der FPSB Deutschland vor. 

Um über diese Summe zu verfügen, müssten – bei einer Rendite nach Kosten, Steuern und Inflation von drei Prozent – erhebliche Sparleistungen erbracht werden. Ein 40-Jähriger zum Beispiel muss pro Monat 360 Euro ansparen beziehungsweise einmalig 86.500 Euro aufbringen. Bei einer 50-jährigen Person wären es bereits 640 Euro monatlich beziehungsweise einmalig 116.300 Euro. Die Rechnung berücksichtigt nicht, dass die Teuerungsrate im Bereich Pflege und Gesundheit bedeutend höher ausfällt als die ausgewiesene Gesamtinflation. Aus diesem Grund sind die genannten 210.000 Euro laut Analyse nur ein Minimalwert.

Das Thema Pflegekosten sollte besser in die Finanzberatung integriert werden

Die Beispielrechnung zeigt: Zukünftige mögliche Pflegekosten sollte einen prominenteren Platz in der Planung der eigenen finanziellen Zukunft finden. Zumal das Thema Pflege weiter an Bedeutung zunehmen wird. Berechnungen der Bertelsmann Stiftung zufolge wird die Zahl der Pflegebedürftigen von derzeit rund drei Millionen Menschen bis zum Jahr 2045 auf fünf Millionen Menschen anwachsen. Weil angesichts der steigenden Zahlen ein weiterer Anstieg des Beitrags zur gesetzlichen Pflegeversicherung wahrscheinlich ist, dürfte auch der Eigenanteil im Pflegefall tendenziell eher ansteigen.

Professionelle Finanzplaner haben die Chance, Auskunft darüber zu geben, wie sich Kunden und ihre Familien richtig absichern können und welche Produkte welche Vorteile bieten. Außerdem können die Experten die möglichen Unterhaltspflichten für Kinder und Eltern abschätzen und organisatorisch begleiten. „Ein wesentlicher Aspekt der individuellen Finanzplanung ist auch das Durchspielen möglicher Risikoszenarien und deren Auswirkungen auf die Vermögenssituation“, sagt Professor Dr. Rolf Tilmes, Vorstandsvorsitzender des Financial Planning Standards Board Deutschland e.V. (FPSB Deutschland). Zum Beispiel können inflationäre Entwicklungen oder finanzielle Aufwendungen bei einer möglichen Pflegebedürftigkeit simuliert werden.

Vermögensaufbau und Zusatzversicherungen im Zusammenspiel

Geht es um geeignete Strategien, können Berater gemeinsam mit ihren Kunden abwägen, welcher Mix aus Zusatzversicherung und Vermögensaufbau mögliche Risiken aus einer Pflegebedürftigkeit absichert. So bietet etwa eine private Pflegezusatzversicherung die Möglichkeit, für den Pflegefall vorzusorgen. Den privaten Zusatzschutz gibt es in drei Modellen: als Pflegetagegeld-Versicherung, Pflegekosten-Versicherung und Pflege-Rentenversicherung. Der Staat fördert den Abschluss einiger Pflegetagegeld-Verträge mit dem „Pflege-Bahr“. Die Förderung beträgt 5 Euro pro Monat. Trotz der Förderung rechnet sich diese Variante jedoch kaum. Dazu gibt es einen gravierenden Nachteil gegenüber dem privaten Ansparen: Das Geld, das in die Versicherung eingezahlt wird, ist weg, falls keine Pflege benötigt wird. 

Flexibler und effektiver ist der Aufbau eigenen Vermögens als Absicherung für den Fall des Falles. Je nach Lebenssituation und finanziellen Möglichkeiten sind hier jedoch manchmal Grenzen gesetzt. Es ist die Aufgabe des Beraters, genau hier anzusetzen und die passenden Lösungen zu finden – und in ein Gesamtkonzept zur finanziellen Altersvorsorge einzubetten.

Gottfried Urban startet neues Unternehmen

Schlagworte: ,
Der ehemalige Vorstandsvorsitzende der Bayerischen Vermögen AG, Gottfried Urban, hat mit Urban & Kollegen GmbH Vermögensmanagement ein eigenes Unternehmen gegründet. In Altötting sollen schwerpunktmäßig Privatkunden beraten werden.

Management-Buy-Out

Über ein Management-Buy-Out hat Urban einen Teil des Privatkundengeschäftes der
Bayerischen Vermögen AG, die aktuell über zwei Milliarden Euro Kundengelder
verwaltet, erworben. Die Urban & Kollegen GmbH Vermögensmanagement hat
ihren Sitz in der ehemaligen Niederlassung der Bayerischen Vermögen AG in
Altötting und übernimmt zunächst etwa 1000 Kunden.
Die sieben Mitarbeiter am Standort wechseln ins neue Unternehmen. Ziel der stärkeren
Trennung der Geschäftsfelder institutionelle Kunden und Privatkunden ist aus
Sicht beider Unternehmen eine noch bessere Umsetzung unterschiedlicher
Strategien für die jeweilige Kundengruppe. Urban &
Kollegen GmbH Vermögensmanagement sieht sich als Ansprechpartner für
Privatkunden mit kleineren Beträgen bis hin zu großen Millionen-Vermögen. Darüber
hinaus sollen allerdings auch Stiftungen, institutionelle Investoren und
Firmenkunden adressiert werden.

Haftungsdach

Das Haftungsdach stellt NFS Netfonds Financial Services. Auf eine eigene
Zulassung nach §32 KWG will Urban auch langfristig verzichten und sich auf
seine Aufgaben bei der Kundenberatung und dem Portfoliomanagement
konzentrieren. Über das Haftungsdach, das sich um die Einhaltung der
regulatorischen Vorgaben kümmert, erhält das neue Unternehmen auch Zugriff auf zusätzliches
Research-Material und Partnerbanken. Zudem sollen über NFS Netfonds speziell
für ein jüngeres Publikum verstärkt digitale Beratungswege genutzt werden.

Einvernehmliche Trennung

Urban scheidet zwar nach 21 Jahren seit Firmengründung als Vorstand der
Bayerischen Vermögen AG aus, bleibt aber als Aktionär dem Unternehmen weiter
verbunden: „Es war mein ausdrücklicher Wunsch, nach 21
Jahren mit einer kleineren Einheit neu zu starten. Es ist auch ein guter
Zeitpunkt für den Weggang, denn die BV ist durch das Wachstum der vergangenen
Jahre im institutionellen Geschäft gut aufgestellt“. Die Trennung von der
Bayerischen Vermögen erfolgte im Guten. „Gottfried Urban und die
Bayerische Vermögen gehen in wohlwollendem Einvernehmen auseinander. Herr Urban
möchte in Zukunft seinen eigenen Weg gehen und wir wünschen ihm nur das Beste
dabei“, so Stefan Mayerhofer, Vorstand bei der Bayerischen Vermögen AG.