China hat in puncto Produktivitätssteigerungen großes Potenzial

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Keine
Produktivitätsfortschritte mehr im Reich der Mitte seit der Finanzkrise

Mitte Dezember sorgte eine Grafik in „The
Economist“ für große Aufmerksamkeit. Darin wurde die Produktivitätsentwicklung
der kommunistischen Sowjetunion mit der Produktivitätsentwicklung des
„kommunistischen“ Chinas verglichen. Der Vergleich bezog sich auf die totale
Faktorproduktivität, die zusammen mit dem Kapitaleinsatz die allgemeine
Arbeitsproduktivität bestimmt – also den Output pro gearbeiteter Stunde. So ist
es – zumindest theoretisch – sehr einfach, die Arbeitsproduktivität mithilfe
eines erhöhten Kapitaleinsatzes zu steigern. Ein Beispiel dafür wäre der
Einsatz von Traktoren in der Landwirtschaft anstatt eines Ochsengespanns. Mit
der totalen Faktorproduktivität lässt sich dagegen der technologische
Fortschritt einer Volkswirtschaft messen, der für den mittelfristigen Wachstums­trend
bestimmend ist.

Von 1940 bis 1969 erzielte die Sowjetunion große
Produktivitätsfortschritte, da sie als „Entwicklungsland“ die Technologie der
fortgeschrittenen Länder einfach kopieren konnte. Sie war jedoch nicht in der
Lage, eigene Innovationen zu entwickeln, sodass ab 1970 die Produktivität nur
noch stagnierte und die Sowjetunion immer weiter gegenüber dem Westen
zurückfiel.

China:
Schwache Produktivitätsentwicklung seit der Finanzmarktkrise

Totale
Faktorproduktivität; durchschnittliche Veränderung
ggü. Vj. in %
 

China: Schwache Produktivitätsentwicklung seit der Finanzmarktkrise
China: Schwache Produktivitätsentwicklung seit der Finanzmarktkrise

Quellen: Weltbank, VoxEU;
The Economist, Metzler; Stand: Dezember 2018

Ein Blick auf die Entwicklung in China lässt nun
eine ähnliche Entwicklung wie damals in der Sowjetunion vermuten. Von 1980 bis
2007 verzeichnete China in der Aufholphase ein hohes Produktivitätswachstum,
das sich jedoch seit 2007 umgekehrt hat und ins Minus gerutscht ist. Dass die
chinesische Wirtschaft im selben Zeitraum trotzdem um etwa 10 % wuchs, hängt
damit zusammen, dass die Zahl der Beschäftigten (Arbeitseinsatz) und vor allem
der Kapitaleinsatz massiv erhöht wurden. Die negative Entwicklung der totalen
Faktorproduktivität über diesen Zeitraum könnte sogar ein Hinweis darauf sein,
dass es zu einer erheblichen Fehlallokation von Kapital kam.

So beschloss die chinesische Regierung einen großen
fiskalischen Stimulus in der Finanzmarktkrise, der vor allem den ineffizienten
Staatsunternehmen zugute kam. Auch nutzten die Staatsunternehmen das Geld
vorwiegend für Investitionen am Immobilienmarkt, anstatt ihre Effizienz in der
Produktion zu verbessern. Das Resultat dessen war ein massiver Anstieg der
Verschuldung chinesischer Unternehmen.

China: Risiken für das
mittelfristige Wachstumspotenzial

Ein Blick auf die Kreditvergabe zeigt, dass
Staatsunternehmen in den vergangenen Jahren sogar immer stärker gegenüber
Privatfirmen bevorzugt wurden. Allein im Jahr 2016 flossen 83 % aller Kredite
an Staatsunternehmen, was die Vermutung nahelegt, dass es sich hierbei um eine
bewusst gesteuerte Politik der chinesischen Regierung gehandelt haben dürfte.
So könnten einerseits verlustmachende Staatsunternehmen mit neuen Krediten vor
der Pleite bewahrt und andererseits die Kredite dazu verwendet worden sein,
neue nationale Champions entstehen zu lassen.

China:
Kredite fließen vor allem an Staatsunternehmen
Anteil der Kredite an Nichtfinanzunternehmen in %

China: Kredite fließen vor allem an Staatsunternehmen
China: Kredite fließen vor allem an Staatsunternehmen

Quelle: https://www.moneyandbanking.com/commentary/2019/1/26/china-mao-strikes-back; Stand: Dezember 2016

Viele Studien zeigen jedoch, dass vor allem der
Privatsektor in den vergangenen Jahrzehnten für Chinas Wirtschaftswunder
verantwortlich war: So ist dessen Anteil an der Wirtschaftsleistung von nahezu
null Anfang der 1980er Jahre bis zuletzt auf 52 % gestiegen. Seit einigen
Jahren hat sich jedoch der Anteil des Privatsektors an der Wirtschaftsleistung
nicht mehr erhöht. Ein Blick auf die Kapitalrenditen (Return on Assets) zeigt,
dass Privatfirmen in China weiterhin sehr produktiv arbeiten und damit im
Gegensatz zu den Staatsunternehmen immer noch ein hohes Wachstumspotenzial
haben.

China:
Anhaltend hohe Kapitalrenditen im Privatsektor in %

China: Anhaltend hohe Kapitalrenditen im Privatsektor in %
China: Anhaltend hohe Kapitalrenditen im Privatsektor in %

Quelle: https://www.moneyandbanking.com/commentary/2019/1/26/china-mao-strikes-back; Stand: Dezember 2017

Ein weiterer Belastungsfaktor für die
Privatunternehmen in China in den vergangenen Jahren war, dass die chinesische
Regierung das Schattenbankensystem mehr und mehr austrocknete. Schließlich
waren es die Schattenbanken, die überwiegend die Privatunternehmen
finanzierten, während die Staatsunternehmen ihre Kredite von den Staatsbanken
erhielten.

China: Konjunktur könnte
sich kurzfristig stabilisieren

Die Bevorzugung der Staatsunternehmen durch die
Politik spiegelt sich aktuell in den Einkaufsmanagerindizes wider. Der
offizielle Einkaufsmanagerindex der Industrie, für den überwiegend Vertreter
von Staatsunternehmen befragt werden, stieg im Januar von 49,4 auf 49,5. Im Gegensatz
dazu sackte der Caixin-Einkaufsmanagerindex der Industrie regelrecht von 49,7
auf 48,3 ab; dieser Index errechnet sich aus den Einschätzungen überwiegend von
Firmen aus dem Privatsektor. Die staatlichen Stimuli scheinen also den
Staatsunternehmen im aktuellen Umfeld zunehmend zugute zu kommen, während der
Privatsektor nach wie vor im Abwärtstrend ist. Die chinesische Regierung
scheint somit langsam das Wachstum stabilisieren zu können, geht damit aber
erhebliche mittelfristige Risiken für das Wirtschaftswachstum ein, wenn sich
sogar der Anteil des Privatsektors an der Wirtschaftsleistung in den kommenden
Jahren verringern sollte.

China: Auch mittelfristig
enormes Wachstumspotenzial – dank Digitalisierung

Gleichzeitig zeigt die Grafik in der linken Spalte,
dass in Chinas Gesamtwirtschaft noch erhebliches Wachstums­potenzial steckt –
vorausgesetzt, der Privatsektor mit seiner deutlich höheren Effizienz und
Rentabilität gewinnt an Terrain gegenüber den Staatsunternehmen. Wenn also die
chinesische Regierung zu ihren ursprünglichen Plänen einer umfassenden Reform
und Privatisierung der Staatsunternehmen zurückkehren sollte, bestehen unseres
Erachtens gute Chancen für einen dynamischen und nachhaltigen Wachstumstrend.
Darüber hinaus wird China keinesfalls das Schicksal der Sowjetunion drohen. Ein
Indiz dafür ist, dass das Reich der Mitte schon jetzt die Europäische Union bei
den öffentlichen und privaten Forschungs- und Entwicklungsausgaben überholt
hat. China wird also zunehmend mit Innovationen auf den Weltmärkten vertreten
sein, und damit dürfte die totale Faktorproduktivität schon bald wieder steigen
– umso mehr, als die Eigenschaften der digitalen Güter (Sunkenness, Spillovers,
Synergies, Scalability) es sogar erfordern, dass der Staat eine größere Rolle
übernimmt, damit ein Land die Digitalisierung erfolgreich meistern kann. Die
Digitalisierung kommt also dem chinesischen Wirtschaftsmodell sehr entgegen.

China:
Mit steigender Innovationskraft

Öffentliche
und private F&E-Ausgaben in % des Bruttoinlandsprodukts

China: Mit steigender Innovationskraft
China: Mit steigender Innovationskraft

* Die größten acht Länder 
Quellen: The Economist, National Science Foundation; Stand: Dezember 2016

USA: Stabiles Wachstum ohne
Inflationsdruck 

Bisher lässt sich nur sagen, dass der ISM-Index für
den Dienstleistungssektor (Dienstag) veröffentlicht wird. Ob weitere
Konjunkturdaten veröffentlicht werden, hängt davon ab, wie schnell die
Statistikbehörde nach dem „Government-Shutdown“ ihre Arbeit wieder aufnehmen
kann. Auf jeden Fall werden aber der „Government-Shutdown“ und die Kältewelle die
Konjunkturdaten in den kommenden Monaten belasten und die Aussagekraft der
Daten insgesamt infrage stellen. Unabhängig davon sehen wir eine stabil um 2,0
% wachsende US-Wirtschaft ohne Inflationsdruck.

Eurozone: Auf der Suche
nach guten Nachrichten

Zweifelslos wird der Einkaufsmanagerindex für den
Dienstleistungssektor (Dienstag) für die gesamte Eurozone im Januar gefallen
sein. Wir haben jedoch noch nicht die Hoffnung aufgegeben, dass es seit langer
Zeit auch mal wieder gute Nachrichten aus der Eurozone geben könnte, und
blicken daher mit großer Spannung auf die deutschen Auftragseingänge (Mittwoch)
sowie auf die Zahlen zur deutschen Industrieproduktion (Donnerstag) und zum
deutschen Export (Freitag).

Eine gute und erfolgreiche Woche wünscht

Edgar Walk

Chefvolkswirt Metzler Asset Management

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