Das Coronavirus-Tagebuch: Christian Mallek, Vermögensverwalter

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FundResearch dokumentiert den derzeit nicht alltäglichen Alltag von Finanzprofis. Heute: Vermögensverwalter Christian Mallek. Der Geschäftsführer der SIGAVEST Vermögensverwaltung definiert den Begriff Gartenarbeit neu.

Herr Mallek, wie sieht Ihr Tag aus?

Christian Mallek: An einem sonnigen Tag wie heute genieße ich es, draußen arbeiten zu können. Wir haben das große Glück, einen Garten zu haben. Für viele Berliner ist das alles andere als selbstverständlich. Die Ausgangsbeschränkungen treffen Familien mit Kindern hier teilweise sehr hart. Vielleicht hat es deshalb auch erst ein Machtwort der Regierung gebraucht, um den Menschen die Bedeutung von Ausgangsbeschränkungen klar zu machen.

Vermögensverwalter Christian Mallek

Was hat sich in den vergangenen Wochen für Sie verändert?

Christian Mallek: Wir wechseln uns jetzt unter der Woche im Büro ab, sodass immer nur eine Person da ist. Die anderen machen Homeoffice. Das bedeutet für mich, teilweise draußen und teilweise in meinem Büro im Haus zu arbeiten. Zwischendurch machen wir immer wieder Webkonferenzen, um uns gegenseitig auf dem Laufenden zu halten und die Arbeit miteinander abzustimmen. Diese Art der virtuellen Kommunikation untereinander ist für eine gewisse Zeit mal okay, aber sicher keine optimale Dauerlösung. Ich finde es ganz angenehm, vor Ort mitzubekommen, was meine Kollegen tun.

Der kurze Dienstweg – im wahrsten Sinne des Wortes – hilft viel. Denn oft ergeben sich Themen und Lösungen daraus, dass man zufällig mal etwas hört oder sieht, schnell nachfragt, reagiert. Die Kommunikation vor Ort ist dynamischer. Eine Videoschalte ist immer nur punktuell. Da geht viel verloren. Deshalb freue ich mich darauf, wieder regelmäßig ins Büro fahren zu dürfen und meine Kollegen dort zu treffen – auch wenn ich es angenehm finde, dass der Weg zur Arbeit in diesen Tagen natürlich deutlich kürzer ist.

Wie sehr hat Sie die Corona-Krise überrascht?

Christian Mallek: Dass Börsen mal heftig korrigieren können, erwarten wir grundsätzlich. Das ist unser Job. Wir setzen je nach Marktlage Absicherungsinstrumente ein. Ende Januar, als die ersten Fälle in Italien auftraten, war für uns ein Signal, auf Nummer Sicher zu gehen und DAX-Futures zu verkaufen. Erstaunlicherweise gingen die Kurse dann nochmal nach oben. Was uns dann erneut überrascht hat, war die Heftigkeit und Geschwindigkeit des Crashs. So schnell in so kurzer Zeit sind die Aktienkurse weltweit seit 1987 nicht mehr gefallen. Das hat natürlich auch in unseren Portfolios Spuren hinterlassen, aber wir haben schnell reagiert und nach dem ersten Kursrutsch weitere Maßnahmen ergriffen.

„Homeoffice bietet auch Vorteile, ist für mich aber keine Dauerlösung.“

Was glauben Sie? War es das jetzt? Oder kommen da noch weitere Börsenschocks?

Christian Mallek: Ich vergleiche den Corona-Crash mit einem Fahrstuhl, bei dem die Seile gerissen sind. Irgendwann greift die Notbremse. Aber auf den ersten Metern hat es keinen Halt gegeben. Jetzt muss man schauen, wie es weitergeht. Was Hoffnung macht: In den Krisen 2003 und 2009 wurde jeweils Ende März nach dem Hexensabbat die positive Trendwende eingeleitet. Wenn wir Glück haben, wiederholt sich das diesmal auch. Tatsächlich sind die Kurse in dieser Woche ja gestiegen. Allein gestern hat der DAX fast elf Prozent an Wert zugelegt. Das ist schon eine Hausmarke. Aber es ist wohl unwahrscheinlich, dass das jetzt so weitergeht. In den USA kommt die Pandemie gerade erst mit voller Wucht an. Die Schäden für die Bevölkerung, die Realwirtschaft und den Arbeitsmarkt sind kaum abschätzbar. Wir haben unsere Vermögensverwaltung 2001 gegründet und schon ein paar Krisen mitgemacht, aber das hier ist schon eine besondere Situation. Da gebe ich keine Prognosen ab.

Was unterscheidet diese Krise von anderen?

Christian Mallek: Es gibt keine vergleichbaren Erfahrungen aus der Vergangenheit. Es gibt nur Parallelen des Staunens. 2001 hat man es nicht für möglich gehalten, dass Passagierflugzeuge als Waffen missbraucht und gezielt in Bürotürme und das Pentagon gelenkt werden. 2008 hat man nicht geglaubt, dass eine Bank wie Lehman Brothers zahlungsunfähig und dann einfach fallen gelassen wird. Und bis vor ein paar Wochen hat eigentlich noch niemand geglaubt, dass sich ein Virus aus China in die ganze Welt verbreitet und die komplette Weltwirtschaft lahmlegt. Was Mut macht: Diesmal handelt es sich erstens nicht um eine Systemkrise. Und zweitens reagieren die Regierungen und Zentralbanken sehr schnell und mit aller Kraft. 

Die Schuldenberge aus der Finanzkrise sind aber noch nicht abgetragen. Und die Zinsen waren schon vor Corona bereits historisch niedrig. Haben Regierungen und Zentralbanken denn überhaupt noch wirksame Pfeile im Köcher?

Christian Mallek: Über die Schuldenberge würde ich mir in der jetzigen Phase  angesichts der niedrigen Zinsen noch keine großen Sorgen machen. Japan lebt uns seit Jahren vor, dass direkte Staatsfinanzierung durch die Notenbank offensichtlich funktioniert. Und in Deutschland haben wir die besondere Situation, dass die Staatsfinanzen sogar sehr gesund sind. Man könnte fast sagen: Niemals zuvor konnten wir uns eine solche Krise besser leisten als heute. Wir werden die Krise nicht schadlos, aber doch gut überstehen.

Sehen Ihre Kunden das genauso gelassen?

Christian Mallek: Die meisten sind in der Tat vergleichsweise zuversichtlich, was ihre Finanzen angeht. Mehr sogar als während der Finanzkrise 2008/2009. In der Finanzkrise hatten die Menschen Angst vor dem finanziellen Totalverlust, aber die Pizzeria um die Ecke hatte noch offen. Das ist heute anders. Das persönliche Leben ist berührt. Die Menschen machen sich Sorgen um ihre Gesundheit und das Wohlergehen ihrer Freunde und Verwandten. Dazu kommen einfach neue Ungewissheiten und Organisationsprobleme im Alltag. Meine Tochter zum Beispiel macht eine Ausbildung und steht kurz vor ihren Abschlussprüfungen. Wann die stattfinden werden, ist völlig offen. Gleichzeitig machen meine beiden Kinder zum ersten Mal wortwörtlich Grenzerfahrungen. Europas Schlagbäume sind plötzlich unten. Beim Bäcker gibt es keine zehn Sorten Brot mehr, und vor der Drogerie bilden sich lange Schlangen. Ich erwische mich dabei, wie ich denke: Vielleicht ist es gar nicht so schlecht, dass die junge Generation auch mal erfährt, dass so etwas möglich ist, was gerade passiert. Die sind bass erstaunt. Wenn ich da an meine älteren Kunden denke: Ich habe den einen oder anderen dabei, der noch Kriegserinnerungen hat. Diese Menschen erschüttert die Corona-Krise nicht so sehr wie die Jüngeren, weil sie schon in ihrer Kindheit lernen mussten, Verzicht zu üben . 

Wann, glauben Sie, wird wieder Normalität einkehren?

Christian Mallek: Vielleicht werden wir in zwei bis drei Wochen langsam wieder zu dem zurückkehren, was wir normales Leben nennen. Vielleicht werden wir dann aber auch etwas aus der Krise mitgenommen haben, was länger wirkt und unser Leben verändert. Zum Beispiel, dass man weniger den Hasspredigern und Fake-News-Verbreitern in den sogenannten sozialen Netzwerken zuhört und sich wieder vertrauenswürdigen Medien zuwendet. Vielleicht die Erfahrung und Erkenntnis, wie viel besser es sich anfühlt, gemeinsam eine Krise zu meistern als ständig eineinander zu beschimpfen. Ich für meinen Teil freue mich zwar auf meine Kollegen im Büro, aber vielleicht werde ich auch in Zukunft mal einen Tag in der Woche im Homeoffice verbringen. Vor allem, wenn das Wetter mitspielt.

Herr Mallek, vielen Dank für dieses Gespräch.

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