Demografie schlägt Wirtschaftswachstum

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Die Demografie schafft unabhängig von zyklischen Bewegungen neue Knappheiten am Arbeitsmarkt. Das ist gut für Konjunktur und Wirtschaftspolitik – und eine Ehrenrettung für die Demografie.

Irgendetwas stimmt da nicht. Die Konjunktur schwächt
sich immer stärker ab. Manche sprechen von einer drohenden Rezession.
Umgekehrt ist der Arbeitsmarkt aber so stabil wie selten. Die
Arbeitslosenquote ist in Deutschland so niedrig wie zuletzt vor 40
Jahren.

In anderen Ländern ist das nicht anders. Im gesamten
Euroraum hat sich die Arbeitslosenquote trotz Wachstumsabschwächung in
den letzten zwölf Monaten von 8,5 % auf 7,8 % verringert. Sogar in
Italien, das sich bereits mitten in einer Rezession befindet, gibt es
weniger Arbeitslose. Außerhalb Europas sind die Verhältnisse nicht so
krass, weil dort das Wachstum noch höher ist. Aber auch in den USA zum
Beispiel verlangsamt sich die Zunahme des realen BIPs, während die
Arbeitslosenquote zurückgeht.

Neues Muster am Arbeitsmarkt
Arbeitslose in % Erwerbspersonen, Westdeutschland

Neues Muster am Arbeitsmarkt
Neues Muster am Arbeitsmarkt

Quelle: Bundesbank

Konjunktur und Arbeitslosigkeit passen offenbar
nicht mehr zusammen. In der Vergangenheit hatten sie sich immer relativ
parallel bewegt. Die Grafik zeigt, dass die Arbeitslosenquote in den
letzten 50 Jahren in jeder Rezession kräftig gestiegen ist. In der
anschließenden Konjunkturerholung ging sie leicht zurück. Im nächsten
Abschwung legte sie dann aber erneut zu. Das Muster vollzog sich bis zur
Mitte der 2000er Jahre. In der großen Finanzkrise erhöhte sich die
Arbeitslosigkeit erstmals nicht mehr so stark. Das lag damals an der
starken Gegenwehr der Geld- und Finanzpolitik.

Seitdem ist der Zusammenhang zwischen Konjunktur und
Arbeitslosigkeit gänzlich verloren gegangen. Die Arbeitslosenquote hat
sich in Deutschland unter Schwankungen von 10 % 2005 auf heute 4,6 %
mehr als halbiert. Nichts deutet darauf hin, dass sich daran in
absehbarer Zeit etwas ändert.

»Ehrenrettung für die demografischen Veränderungen.«

Dabei hätte sie eigentlich steigen müssen. Es gibt
immer mehr Zuwanderer aus dem Ausland, die das Angebot an Arbeitskräften
erhöhen. Immer mehr Frauen suchen eine Beschäftigung außer Haus. Ältere
Menschen bleiben auch über das Rentenzugangsalter im Arbeitsprozess.
Gleichzeitig wird in den Betrieben auf Teufel komm raus rationalisiert
und digitalisiert. All das geht aber offenbar am Arbeitsmarkt insgesamt
vorbei (nicht jedoch in einzelnen besonders betroffenen Regionen).

Wie ist das Auseinanderlaufen der Entwicklung von
Arbeitslosigkeit und Konjunktur zu erklären? Ein Grund ist sicher, dass
die Konjunktur gar nicht so schlecht ist, wie immer wieder gesagt wird.
Auch die Digitalisierung ist nicht so dramatisch. Die Unternehmen
brauchen weiter Personal. Lassen Sie sich von den Horrormeldungen nicht
ins Bockshorn jagen. Es gibt derzeit in Deutschland über 600.000
sozialversicherte Beschäftigte mehr als vor einem Jahr (plus 2 %) und
800.000 offene Stellen.

Wichtiger ist aber noch etwas anderes, das in diesem
Zusammenhang häufig übersehen wird. Das ist die demografische Alterung.
Immer mehr ältere Menschen scheiden aus dem Arbeitsleben aus und machen
Arbeitsplätze frei. Früher wurden diese Arbeitsplätze problemlos durch
jüngere Mitarbeiter besetzt. Das war dann neutral für die
Arbeitslosenquote. Da inzwischen mehr Alte in Rente gehen als Junge in
den Beruf einsteigen, suchen die Unternehmen händeringend Arbeitnehmer,
nur um die Produktion aufrecht zu erhalten. Die Arbeitslosigkeit sinkt.
Hier entsteht eine ganz neue Dynamik auf dem Arbeitsmarkt. Sie wird sich
in Zukunft noch verstärken, wenn die Generation der Babyboomer in Rente
geht.

Das heißt: Die Demografie schlägt die Konjunktur in Sachen Arbeitsmarkt. Daraus ergeben sich erhebliche Konsequenzen. Erstens
ist es natürlich gut für die Arbeitnehmer. Sie werden nicht mehr so
schnell entlassen. Und wenn sie ihren Arbeitsplatz verlieren, dann ist
es weniger schwer, eine neue Stelle zu finden. Allerdings muss der
Arbeitsmarkt hinreichend flexibel sein.

Zweitens ist es gut für
die Konjunktur. Die hohe Beschäftigung, zusammen mit der steigenden Zahl
von Rentnern, schafft Einkommen und damit Kaufkraft. Das ist ein
Gegengewicht zu einer sonst nachlassenden Nachfrage. Die Demografie
stabilisiert die Konjunktur.

Drittens ist es eine
Ehrenrettung für die demografischen Veränderungen. Sie sind nicht nur
eine Belastung durch vermehrte Altersvorsorge, Knappheit von
Arbeitskräften oder altersbedingt vielleicht geringere Innovationskraft
der Wirtschaft. Sie stützen auch die Konjunktur.

Viertens wird die
Wirtschaftspolitik bei der Aufgabe der Konjunkturstabilisierung
entlastet. Die Demografie übernimmt einen Teil ihrer Arbeit. Die
Regierung kann sich daher vermehrt anderen Aufgaben zuwenden, etwa der
Förderung von langfristigen Investitionen.

Fünftens ist es gut für
die Leistungsbilanz. Wenn der Konsum aufgrund der guten
Einkommensverhältnisse auch bei schwächerer Konjunktur steigt, dann geht
der Leistungsbilanzüberschuss zurück. Das ist genau das, was von
Deutschland immer wieder gefordert wird. Bereits im vorigen Jahr hat
sich der Überschuss leicht verringert. In diesem Jahr wird sich das
fortsetzen.

Für den Anleger

Dies sind weitere Argumente, dass die aktuelle
Konjunkturschwäche nur unter außergewöhnlichen Umständen (ungeordneter
Brexit, neue Handelsbeschränkungen etc.) zu einer Rezession führt. Die
zyklischen Schwankungen der Wirtschaft werden auch in Zukunft geringer
sein. Das sind auch gute Nachrichten für den Kapitalmarkt. Die
Aktienkurse werden nach Auslaufen des Abschwungs steigen. Die Zinsen
werden wegen der demografisch bedingten Zunahme der Ersparnis niedrig
bleiben.