Deutsche schätzen Aktienrisiken falsch ein

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Viele Deutsche halten sich von Aktien fern, weil sie aus Unwissenheit die Risiken der Papiere zu hoch einschätzen. Das zeigt eine neue Studie. Berater müssen also noch mehr Aufklärungsarbeit leisten.

Die Deutschen sind ein Volk von
Sparern. Daran haben auch mehr als zehn Jahre Niedrigzinsen nichts geändert.
Aktien sind den meisten Bundesbürgern nach wie vor suspekt, sie lassen ihr
Erspartes lieber auf dem Sparbuch liegen, wo es schleichend an Wert verliert. Gerade
einmal 16 Prozent der Bundesbürger waren im Jahr 2018 in Aktien investiert. In
den USA waren es dagegen 54 Prozent. „Beim Thema Aktienkultur ist Deutschland
ein Entwicklungsland“, sagt Nicolas Nonnenmacher, Leiter des Bereichs Community
Development bei der Deutschen Börse. Trotz aufwändiger Aufklärungsarbeit sei
die Zahl der Aktionäre in den vergangenen Jahren kaum gestiegen.

Für die hartnäckige Aktien-Abstinenz
der Deutschen gibt es offenbar nicht nur einen einzigen Grund. Vielmehr spielt
eine Vielzahl von Gründen zusammen, zeigt eine neue Studie der Frankfurt Schoolof Finance and Management und der Goethe-Universität Frankfurt im Auftrag der
Deutschen Börse. Die Studienautoren haben rund 2800 Deutsche befragt. Das
Ergebnis: Wer sich von Aktien fernhält, tut das meist aus Angst vor Verlusten –
aber auch aus der Sorge heraus, zu wenig über den Aktienmarkt zu wissen oder in
der irrigen Annahme, Aktieninvestments seien nur etwas für Reiche.

Auf den ersten Blick scheint das
Hauptargument gegen Aktien, die Angst vor Verlusten, durchaus berechtigt. Wer
Rendite erzielen will, muss schließlich Risiken eingehen – und die können eben
auch Verluste mit sich bringen. Auf den zweiten Blick schätzen aber Menschen,
die keine Aktien im Depot haben, die Risiken von Aktieninvestments oft aus
Unwissenheit zu hoch ein. So wussten in der Studie fast zwei Drittel der
Befragten nicht, dass es riskanter ist, nur ein Jahr lang zu investieren, als
zehn Jahre investiert zu bleiben.

„Systematische Fehleinschätzung von Risiko“

Viele Studienteilnehmer, die nicht in
Aktien investieren, hatten zudem keine Ahnung, ob man mit Fonds ein höheres
oder niedrigeres Risiko eingeht als mit Einzelaktien – oder gingen sogar davon
aus, dass ein Aktienfonds riskanter ist als ein Einzeltitelinvestment. Das
mangelnde Verständnis für Diversifikation deute auf eine „systematische
Fehleinschätzung von Risiko“ hin, stellen die Studienautoren fest. „Eine
gezielte Aufklärung über die tatsächlichen Risiken und Chancen einer Anlage in
Aktien wäre sicher hilfreich“, sagt Michael Grote, Professor für Corporate
Finance an der Frankfurt School und Co-Autor der Studie.

Berater sollten also mit klaren
Worten über die Möglichkeiten von Aktieninvestments informieren. Nun tun die
meisten Berater seit jeher genau das, finden aber offenbar kaum Gehör. Hier
macht sich eine weitere Eigenheit der Deutschen negativ bemerkbar: Nicht nur,
dass es den Bundesbürgern an Finanzwissen mangelt – sie trauen zudem jenen
nicht, die dieses Wissen besitzen. Eine Umfrage des Flossbach von Storch
Research Institute unter 1700 Finanzberatern hat ergeben: Auch mangelndes
Vertrauen in die Finanzberatung hält viele Deutsche vom Investieren ab.
„Misstrauen scheint die Einsicht in die Notwendigkeit von Finanzanlagen zu
überlagern“, stellt Institutsleiter Thomas Mayer fest. Wollen Berater ihre
Kunden vom Aktienmarkt überzeugen, müssen sie also zuallererst ihr Vertrauen
gewinnen.