Die chinesische Chance

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Die Volksrepublik kämpft mit einer schwächelnden Wirtschaft. Dennoch sehen Marktbeobachter weiterhin Potenziale im chinesischen Markt – vor allem im Technologiesektor und im Anleihebereich.

Als China Anfang Oktober den 70.
Jahrestag der Gründung der Volksrepublik gefeiert hat, ging es vor allem darum,
sich und der Welt zu beweisen: China wächst – und nichts kann es aufhalten. Nicht
die USA, mit denen das Land einen ständigen Handelsstreit ausfechtet. Nicht die
Proteste in der Sonderverwaltungszone Hongkong gegen die dortige pekingtreue
Regierung. Und auch nicht die schwächelnde Konjunktur – im dritten Quartal ist
Chinas Bruttoinlandsprodukt um nur sechs Prozent gewachsen. Tatsächlich war das
Jahr für China bisher nicht einfach.

Dennoch sehen viele Investoren nach
wie vor Potenzial im chinesischen Markt. Vor allem den Technologiesektor finden
sie interessant. Ausgerechnet – leidet doch der chinesische Technologiekonzern
Huawei besonders stark unter dem Handelsstreit mit den USA. US-Präsident Donald
Trump hatte das Unternehmen im Mai auf eine schwarze Liste gesetzt, weil er
chinesische Spionage durch die Geräte vermutete. Huawei kann seitdem keine
Technologieprodukte mehr von US-Firmen kaufen. Für John Lin, Portfoliomanager
China Equities beim New Yorker Asset Manager AllianceBernstein, könnten die
US-Maßnahmen gegen Huawei und andere chinesische Technologieunternehmen aber
auch eine Chance für China sein, weil „sie chinesische Technologieunternehmen
zwingen, ihre lokalen Lieferketten zu stärken“ – und dem Sektor so neues Leben
einhauchen. Bereits jetzt würde Huawei eng mit lokalen Lieferanten von
Leiterplattenmaterialien, also Trägern für elektronische Bauteile,
zusammenarbeiten. „Auch südkoreanische und taiwanesische Technologiekonzerne
könnten von Huaweis Suche nach neuen Lieferanten profitieren“, sagt der Anlageprofi.
Technologiefirmen, die von Huawei kaum abhängig sind und daher vom
Handelsstreit relativ unbeschadet blieben, könnten überdies vom weltweiten
Einzug der 5G-Technologie profitieren. Die Technologielücke zu den USA sei
„nicht allzu groß“, sagt Lin.

Auch Fondsmanager Patrick Picenoni
von der Frankfurter Investmentfirma Conren glaubt an Chinas Marktmacht im
Technologiebereich. Die Volksrepublik überflügele schon jetzt das Silicon
Valley, wenn es um „Erfindergeist, Geschwindigkeit und Ertragskraft“ bei der
Künstlichen Intelligenz (Artificial Intelligence, AI) und dem Internet der
Dinge (Internet of Things, IoT) gehe. „Wenn wir in Zukunftstechnologien rund um AI und IoT
investieren wollen, kommen wir an China und an den dort ansässigen
Firmenchampions nicht vorbei“, ist Picenoni überzeugt.

Chinas Rentenmarkt wächst

Beim Vermögensverwalter Nikko AM heben
die Experten darüber hinaus die gute Entwicklung des chinesischen
Anleihemarktes hervor. „Ausländische Anleger können heute ohne die
Restriktionen am heimischen Aktien- und Rentenmarkt investieren, die noch vor
zehn Jahren in Kraft waren“, sagt Yii
Hui Wong, Portfoliomanagerin bei Nikko AM. Der Rentenmarkt der
Volksrepublik sei mit rund neun Billionen US-Dollar der drittgrößte der Welt.
Erstmals wurden im April auch chinesische Anleihen in den Global Aggregate Bond
Index von Bloomberg Barclays aufgenommen. Die Nachrichtenagentur Bloomberg
prognostizierte damals mehr als 100 Milliarden US-Dollar an ausländischen
Zuflüssen. Tatsächlich sei die zunehmende Marktliberalisierung ein positives
Zeichen an ausländische Investoren, sagt Wong: „Die zunehmende Öffnung von
Chinas Finanz- und Binnenmärkten wird Anlegern weitere Wege zu mehr
Diversifikation und zu Erträgen öffnen.“