Düstere Aussichten für Rentenanleger

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Einige Investmentgesellschaften rechnen in der laufenden Dekade mit steigenden Zinsen, andere gehen davon aus, dass die Zinsen weiter fallen. Für Anleiheinvestoren haben beide Szenarien Nachteile.

Es gibt Zeiten, in denen
Notenbanksitzungen mit Spannung erwartet werden. Und es gibt die heutige Zeit.
Anlageprofis rechnen auf der Sitzung der Europäischen Zentralbank (EZB) am
Donnerstag der laufenden Woche nicht mit Überraschungen. „Die Zentralbank fährt
mehr oder weniger auf Autopilot“, sagt Ulrike Kastens, Volkswirtin der DWS.
„Unserer Meinung nach befindet sie sich in einer abwartenden Haltung und
beobachtet, wie und ob die Maßnahmen aus der September-Entscheidung wirken.“ Im
September hatte die EZB den Einlagenzinssatz noch weiter in den negativen
Bereich gedrückt und beschlossen, den Ankauf von Vermögenswerten wieder aufzunehmen.

Kurzfristig dürfte sich weder am
Leitzins noch an den Marktzinsen in der Eurozone etwas ändern. Mit Blick auf
die kommenden zehn Jahre sind Investmentprofis allerdings geteilter Meinung.
Die einen gehen davon aus, dass die Zinsen allmählich steigen. Die anderen
rechnen damit, dass sie weiterhin im Rekordtief verharren oder sogar noch
weiter sinken. Für Rentenanleger sind beide Szenarios erst einmal wenig
erfreulich.

Bei Degroof Petercam erwartet man,
dass sich die Zeit der Nullzinsen langsam dem Ende zuneigt. „Die Tatsachen
sprechen dafür, dass die Zinsmärkte anfällig für Veränderungen geworden sind
und die Richtung wechseln hin zu tendenziell wieder höheren Zinsen“, sagt Peter
De Coensel, Leiter des Anleihebereichs bei der belgischen
Investmentgesellschaft. Er argumentiert damit, dass sich die Inflation bald dem
Zielwert der EZB annähern könnte, sodass in der Folge die Zinsen zumindest
moderat steigen. „2020 kann als Übergangsjahr gesehen werden in eine Dekade
höherer Zinsen“, sagt De Coensel.

Enttäuschungen sind programmiert

J.P. Morgan Asset Management rechnet
nicht mit steigenden Zinsen – im Gegenteil. „Unser Basisszenario lautet, dass
das Umfeld eines uneinheitlichen Wachstums unter dem Trend sowie einer
entgegenkommenden – wenn nicht sogar gelockerten – Geldpolitik der
Zentralbanken von Dauer sein wird“, schreiben Analysten des Fondsanbieters in
einem aktuellen Marktausblick. Sie sagen voraus: Wenn sich die Wirtschaftsdaten
nicht bald deutlich verbessern, könnten die britische und die australische
Notenbank im Jahresverlauf weitere Zinssenkungen vornehmen. „Selbst große
Zentralbanken wie die Federal Reserve, die derzeit eine Zinspause einlegen,
dürften die Geldpolitik zukünftig eher lockern als straffen.“

Steigende Zinsen gehen bei Anleihen
mit sinkenden Kursen einher. Wer Schuldtitel nicht bis zur Fälligkeit hält,
sondern am Kapitalmarkt handelt, verkauft in einem Umfeld anziehender Zinsen tendenziell
mit Verlust. Wer neu emittierte Anleihen erwirbt, um den Kupon zu vereinnahmen,
freut sich dagegen über ein höheres Zinsniveau. Umgekehrt kommen weiter sinkende
Zinsen aktiven Anleihehändlern zugute, nicht aber Investoren, die Bonds wegen des
Kupons kaufen. „Für Neuemissionen ist der erwartete Zinsertrag bereits negativ.
Wenn die Zinsen nicht weiter sinken, wird es hier auch keinen Preisanstieg mehr
geben“, sagt Marcel Müller, Leiter des Portfoliomanagements bei HQ Trust, dem
Multi-Family-Office der Quandt-Familie. „Beginnen die Zinsen zu steigen, wird
der erwartete Preisertrag negativ: Anleger verzeichnen zunächst Kursverluste,
bevor es wieder einen Zinsertrag gibt.“ Egal, welches Szenario an den
Rentenmärkten eintritt: Die eine oder andere Gruppe von Anleiheinvestoren muss
auf jeden Fall mit Enttäuschungen rechnen.