Ein gutes Jahr für Aktien

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Der deutsche Aktienmarkt entwickelt sich derzeit ähnlich wie vor zehn Jahren. Wenn sich das fortsetzen sollte, hätten wir am Ende trotz aller Unkenrufe ein gutes Aktienjahr. Die Geschichte wiederholt sich nicht. Nach der großen Finanzkrise waren die Bedingungen viel kapitalmarktfreundlicher.

Man kann die Bären an der Börse nicht zählen. Aber viel spricht dafür,
dass sie zumindest in Europa nach wie vor in der Mehrheit sind. Sie
gehen davon aus, dass die Aktienkurse nach der erfreulichen Entwicklung
zu Jahresbeginn wieder kippen. Es könnten wegen der schlechten
Konjunktur neue Tiefstände erreicht werden. Natürlich gibt es auch
Bullen, die mit einer weiteren Aufwärtsbewegung rechnen. Aber sie haben
es schwer, im derzeitigen Umfeld überzeugende Argumente zu finden.

»Eine längerfristige Aufwärtsentwicklung der Aktienkurse ist nicht unmöglich.«

Ich mache keinen Hehl daraus, dass ich mich zu den
Bullen rechne. Das beruhte ursprünglich auf einem Bauchgefühl. Ich habe
dazu dann vor kurzem eine volkswirtschaftliche Begründung geliefert. Sie
beruht darauf, dass der Konjunkturabschwung im Laufe dieses Jahres
auslaufen wird (vielleicht schon im ersten Halbjahr). Dann kommt das
Konjunkturtief. Es ist erfahrungsgemäß die beste Zeit für Aktien. Da
müsste es mit den Kursen also wieder nach oben gehen.

Denn dann sind die Unternehmensgewinne niedrig, die
Zinsen gehen noch nicht wieder hoch. Da können die Kurse nur steigen. Es
könnte sein, dass die Entwicklung der Märkte in den ersten Monaten
dieses Jahres diese Perspektive bereits vorweggenommen hat. Das Risiko
ist natürlich, dass die Politik – sei es in Amerika oder in
Großbritannien – bei all dem einen Strich durch die Rechnung macht.

Ich halte diese Begründung nach wie vor für
tragfähig. Trotzdem ist die Sache so wichtig, dass ich nach weiteren
Argumenten suche. Eines fand ich für den DAX in der nebenstehenden
Grafik.

Sie zeigt im unteren Teil die Entwicklung des
deutschen Aktienindex nach der Rezession in der großen Finanzkrise. Im
Laufe des Jahres 2008 stürzten die Kurse dramatisch ab. Im März 2009
drehte sich die Situation. Von nun an ging es – natürlich unter
Schwankungen – wieder nach oben. Über diese Linie habe ich die
Entwicklung des DAX zehn Jahre später, also seit 2017 gelegt. Im Laufe
des Jahres 2018 gingen die Kurse wie damals kräftig nach unten,
besonders stark im Dezember. Anfang 2019 drehte sich die Situation und
der DAX erhöhte sich.

Die Parallelität der beiden Kurven ist verblüffend.
Ich hätte mir das nicht so vorgestellt. Mit ein bisschen Phantasie kann
man die obere Kurve analog der Entwicklung in 2009/10 verlängern. Dann
ergäbe sich für die nächsten zwei Jahre eine wunderschöne
Aufwärtsentwicklung mit vergleichsweise wenigen Schwankungen. Was für
eine Perspektive für Anleger!

Das darf man natürlich nicht ernst nehmen. Die
Geschichte wiederholt sich nicht. Aus der Parallelität zweier Kurven
kann man keine Schlüsse auf die Zukunft ziehen. Was dieser Vergleich
aber zeigt, ist eine wichtige Erkenntnis: Eine längerfristige
Aufwärtsentwicklung der Aktienkurse ist nicht unmöglich. Es hat sie auch
nach nicht so spektakulären Crashs wie der großen Finanzkrise gegeben.
Beispiele sind die Kurseinbrüche 2011 und 2016. Damals gab es nach dem
Tiefpunkt allerdings größere Schwankungen, weshalb ich diese Beispiele
hier nicht genommen habe.

Wie sich die Bilder gleichen

Wie sich die Bilder gleichen
Wie sich die Bilder gleichen

Quelle: Bundesbank

Anleger denken häufig zu kurzfristig. Sie meinen,
wenn die Börse ein paar Monate nach oben gegangen ist, dann muss
automatisch eine Korrektur folgen. Die Bäume wachsen auch am
Kapitalmarkt nicht in den Himmel. Die Grafik zeigt, dass das nicht so
sein muss.

Damit aber genug der Parallelität. Es gibt natürlich
auch erhebliche Unterschiede zwischen der damaligen Entwicklung und
heute. Das Wichtigste ist, dass der Verlauf damals sehr viel
dramatischer war (das kann man wegen der unterschiedlichen Maßstäbe in
der Grafik leider nicht sehen). In den ersten zweieinhalb Monaten nach
dem Tiefpunkt stiegen die Kurse damals um 18 %. Diesmal waren es „nur“
10 %.

Wenn man den gesamten Zeitraum des Aufschwungs bis
Ende 2010 betrachtet, ergab sich damals ein Zuwachs des DAX von
unvorstellbaren 80 %. Wenn man das in die heutige Zeit übersetzen würde,
hätten wir Ende dieses Jahres einen Stand des DAX von über 16 000. Ende
2020 wären es über 19 000. Das mögen sich auch ausgemachte Optimisten
nicht vorstellen.

Die außerordentliche Dynamik der damaligen Entwicklung hatte gute Gründe. Erstens:
waren die Kurse damals im Crash viel stärker gefallen. Sie haben sich
im Verlauf von 2008 fast halbiert. In 2018 fiel der DAX „nur“ um 18 %.
Da gibt es natürlich viel weniger Aufholpotenzial.

Zweitens: war der
Konjunktureinbruch in der großen Finanzkrise viel tiefer. Das reale
Bruttoinlandsprodukt ging im Jahr 2008 um 5 % zurück. Ähnlich widrige
gesamtwirtschaftliche Bedingungen können sich heute auch die
ausgekochtesten Pessimisten nicht vorstellen.

Drittens: waren die
Maßnahmen der Wirtschafts- und Geldpolitik zur Überwindung der Rezession
damals viel umfangreicher als heute. Das öffentliche Defizit (in % des
BIPs) stieg in Deutschland von 2007 bis 2010 um fast 5 Prozentpunkte. In
diesem Jahr baute der Finanzminister dagegen lediglich den Überschuss
von 1 % ab. Die Zinsen wurden von 2,5 auf 1 % gesenkt (gemessen an der
Hauptrefinanzierungsfazilität). Für dieses Jahr hat die EZB gerade mal
beschlossen, die geplante Zinserhöhung um drei Monate nach hinten zu
schieben.

Es ist klar, dass sich solche Unterschiede im
gesamtwirtschaftlichen Umfeld an der Börse niederschlagen. Die
Aufwärtsentwicklung wird daher 2019 sehr viel bescheidener sein.

Für den Anleger

Es gibt also Argumente, dass 2019 ein gutes
Aktienjahr wird. Es wird nicht so steil aufwärts gehen wie vor zehn
Jahren. Es wird auch nicht geradlinig sein. Die großen Risiken sind
politische Entwicklungen sowohl in den USA als auch in Großbritannien.