Einsteigen oder abwarten?

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Nie ist der deutsche Leitindex Dax so schnell abgestürzt wie in den vergangenen Wochen. Nun zieht das Börsenbarometer wieder an. Haben Aktien den Tiefpunkt überwunden?

Nach wochenlangem Stillstand ist das
wohl die Nachricht, auf die Anleger gewartet haben: Österreichs Bundeskanzler
Sebastian Kurz hat als erster europäischer Staatschef einen sehr konkreten
Fahrplan für die Rückkehr zur Normalität vorgestellt. In der Woche nach Ostern
will er die geltenden Beschränkungen zur Eindämmung der Corona-Pandemie
schrittweise lockern, verkündete Kurz am Montag (6. April). Kleine Geschäfte
bis 400 Quadratmeter sowie Bau- und Gartenmärkte sollen ab dem 14. April wieder
öffnen dürfen. Einkaufszentren, größere Geschäfte und Friseure dürfen ab dem 1.
Mai wieder Kunden empfangen. Nicht nur in Österreich nähren sinkende Fallzahlen
die Hoffnung, dass das Schlimmste in der Corona-Krise vorbei sein könnte. Auch
in Deutschland ist die Zahl der Neuinfektionen am Montag den vierten Tag in Folge
gesunken, meldete das Robert Koch-Institut (RKI).

Die Bundesregierung redet zwar nach
wie vor nicht über eine Lockerung der Ausgangsbeschränkungen. Und doch hat die
Hoffnung auf Besserung Investoren in Feierstimmung versetzt. Der deutsche
Leitindex Dax startete mit deutlichen Kursgewinnen in die Handelswoche und
überwand die wichtige Marke von 10.000 Zählern. Am heutigen Dienstag ging es
zum Handelsstart nochmals kräftig nach oben.

Wenn es nach einer heftigen Krise
mehrere Tage am Stück bergauf geht, teilen sich Investoren in zwei Lager. Die
einen fürchten, den günstigsten Punkt zum Wiedereinstieg verpasst zu haben, und
pumpen schnell noch die letzten Cash-Reserven in den Markt. Die anderen warten
ab, weil sie mit einem weiteren Einbruch rechnen. Beide Strategien sind
riskant. „Die schwer absehbare weitere Entwicklung auf Makroebene,
unvorhersehbare Kursausschläge von zehn Prozent und mehr und nach wie vor hohe
Bewertungen in den USA sind wichtige Hinweise darauf, dass wir nicht aus dem
Gröbsten heraus sind“, sagt Peter van der Welle, Multi-Asset-Stratege beim
Fondsanbieter Robeco. Umgekehrt besteht für Skeptiker das Risiko, dass sie auf
einen Tiefstand warten, den die Märkte bereits hinter sich haben.

Anleger fahren auf Sicht

Externe Schocks wie der, den die
Weltwirtschaft derzeit durch die Coronavirus-Pandemie erlebt, lösen meist
vergleichsweise kurze Rezessionen aus, die die Finanzmärkte rasch vorwegnehmen,
erklärt van der Welle. Künftig dürften vor allem die beispiellosen Maßnahmen
der Notenbanken und Regierungen darüber entscheiden, wie lange eine mögliche
Rezession dauert.

Auch Michael Winkler, Leiter
Anlagestrategie bei der St. Galler Kantonalbank Deutschland, glaubt, dass es
für Entwarnung noch zu früh ist und weist darauf hin, dass jüngst zwei wichtige
Kurstreiber weggefallen sind: Das Aktienrückkaufprogramm der US-Unternehmen
sowie – besonders wichtig für den europäischen Aktienindex EuroStoxx 50 –
Dividendenausschüttungen. Anlegern bleibe nichts anderes übrig, als auf Sicht
zu fahren. Und wie im Straßenverkehr gelte dabei das Motto: vorsichtig bleiben.
„Sollte es noch einmal deutliche Kursrückgänge geben, könnte es je nach
individuellem Risikoprofil und den Rahmenbedingungen dann durchaus eine Option
sein, über Nachkäufe nachzudenken“, sagt der Anlagestratege.