Engel, die vom Himmel fallen

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Niedrige Zinsen verleiten viele Unternehmen dazu, sich immer weiter zu verschulden. Die Zahl der mit BBB gerade noch so im Investment-Grade-Bereich angesiedelten Anleihen steigt. Marktbeobachter warnen vor einer gefährlichen Kettenreaktion.

Wenn Anleihen von Unternehmen mit
Investment-Grade-Rating auf Ramschniveau fallen, spricht man von gefallenen
Engeln. Ab einem Rating von BB+ und schlechter gelten Bonds als hochspekulativ,
eine Pleite des Emittenten ist dann nicht nur möglich, sondern wahrscheinlich. Zwei
Forscherinnen der New Yorker Notenbank haben nun die Qualität von
Firmenanleihen untersucht und zum eigenen Erschrecken festgestellt: Die Zahl
der Firmen, die mit BBB an der Schwelle zum Hochrisiko stehen, ist in den
vergangenen Jahren dramatisch gestiegen. Sollte sich die Konjunktur
verschlechtern, droht am Anleihemarkt eine gefährliche Kettenreaktion, warnen
die Expertinnen.

In einem schwierigeren
konjunkturellen Umfeld könnte es zu einer Welle von Ratingherabstufungen kommen.
Die Kurse der frisch gefallenen Engel dürften durch die schlechteren
Bonitätsbewertungen unter Druck geraten. Hinzu kommt: Viele institutionelle
Investoren wie Pensionskassen oder Versicherungen dürfen Junkbonds nicht im
Portfolio haben. Sie müssten die Papiere schlagartig verkaufen – egal, ob sie
noch an das Unternehmen glauben oder nicht. Das würde die Kurse zusätzlich
belasten. Ein solcher Liquiditätsengpass könnte sogar die Finanzmarktstabilität
gefährden, fürchten die Autorinnen.

Sollte es tatsächlich eine Welle von
Herabstufungen am Unternehmensanleihemarkt geben, würden Investoren mit
BBB-Anleihen, die im vergangenen Jahr in den USA noch satte 16 Prozent
abgeworfen haben, viel Geld verlieren. Doch auch wenn der große Knall
ausbleibt, sind BBB-Bonds riskanter, als ihr Rating vermuten lässt. Das zeigt
der Blick auf die Nettoverschuldung: Sie liegt im Durchschnitt sogar höher als
bei Ramschanleihen.

Düstere Aussichten für die Finanzstabilität

Mit ihren Sorgen sind die New Yorker Forscherinnen
nicht allein. Im Oktober warnte auch der Internationale Währungsfonds (IWF) vor
einem Dominoeffekt im Anleihesegment. Die niedrigen Renditen sicherer
Staatsanleihen hätten viele Rentenfondsmanager dazu gebracht, auf riskantere Papiere
auszuweichen, um ihre Ertragsziele zu erreichen, schreiben die IWF-Experten in einem
Bericht. Auch sie zweifeln daran, dass die Fonds Anleger auszahlen können, wenn
diese massenhaft Anteile verkaufen.

In ihrer Studie haben die
Währungshüter rund 1.760 Anleihefonds auf ihre Stressresistenz untersucht. Das
Ergebnis: Fast ein Sechstel der Produkte wäre nicht in der Lage, Anlegern ihr
Kapital zurückzuzahlen. Besonders dramatisch war der Liquiditätsengpass bei
High-Yield-Fonds, die in bonitätsschwache Unternehmensanleihen investieren. Fast
die Hälfte von ihnen hätte Anleger nicht auszahlen können.

Sollte es in Folge einer Rezession zu
Notverkäufen kommen, könnten Fondsmanager gezwungen sein, andere Wertpapiere im
Portfolio zu liquidieren, um Anleger auszuzahlen, fürchten die Autoren. Das
wiederum würde auch dort die Kurse unter Druck setzen – und die Krise auf den
gesamten Anleihemarkt übergreifen. Der IWF schreibt von „düsteren Aussichten
für die Finanzstabilität“. Berater sollten daher genau hinschauen, mit Hilfe
welcher Produkte die Rentenfondsmanager ihre Renditeversprechen einlösen wollen.
Und Kunden im Zweifel zu einem anderen Investment raten.