ESG-Plänen der EU in der Kritik

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Die EU-Kommission will die Finanzwirtschaft zu mehr Nachhaltigkeit verpflichten. Die Idee dahinter: Um die EU-Klima- und Energieziele bis 2030 zu verwirklichen, seien jährlich 180 Milliarden Euro zusätzliche Investitionen notwendig. Laut EU-Kommission reicht das derzeitige Investitionsniveau in der EU jedoch nicht aus, um ein „ökologisch nachhaltiges Wirtschaftssystem zu unterstützen“. Also sollen regulatorische Instrumente geschaffen werden, die bei der Finanzindustrie ansetzen. Denn der Finanzindustrie komme eine Schlüsselrolle im Rahmen nachhaltigen Wirtschaftens zu, sagt die EU.

Banken und Investoren hätten mit der bewussten Steuerung von Geldströmen einen enormen Einfluss auf die nachhaltige Transformation der Gesamtwirtschaft und vieler gesellschaftlicher Rahmenbedingungen. Deshalb arbeiten sowohl die EU-Kommission als auch das Europäische Parlament aktuell an verschiedenen Gesetzgebungsinitiativen. Einer davon ist der „Action Plan: Financing Sustainable Growth“. Der Aktionsplan beinhaltet konkrete und weitreichende Vorschläge, wie die Finanzwirtschaft ihren Beitrag zu mehr nachhaltigem Wirtschaften leisten kann. Ziel des Aktionsplans ist es, mit zehn Maßnahmen Kapital in „nachhaltige und integrative“ Investitionen zu lenken, ökologische und soziale Risiken besser in das Risikomanagement der Finanzmarktteilnehmer einzubetten sowie die Finanz- und Wirtschaftstätigkeit „transparenter und langfristiger“ auszurichten.

Definiere: Was ist Nachhaltigkeit?

Damit klar ist, was die EU unter Nachhaltigkeit versteht, hat die Kommission ein einheitliches Klassifikationssystem (EU-Taxonomie) im Bereich nachhaltiger Finanzierung erarbeitet, die die sogenannten ESG-Kriterien (Environment, Social, Governance) für verschiedene Assetklassen genau definiert. Damit geht eine ganze Reihe von geplanten Maßnahmen einher, die letztlich der Finanzindustrie in Teilen vorschreiben, in welchem Rahmen sie ESG-Kriterien bei ihren Investmententscheidungen zu berücksichtigen hat.

Während diese EU-Taxomonie weitgehend begrüßt wird, weil sie EU-weit einheitliche Kriterien zur Ermittlung der „Nachhaltigkeit“ eines Finanzprodukts schafft, stößt der Aktionsplan der EU jedoch zunehmend auf Kritik. So warnt etwa das cep (Centrum für Europäische Politik) davor, institutionelle Anleger und Vermögensverwalter per Gesetz zu verpflichten, Nachhaltigkeitsaspekte in ihre Investitionsentscheidungen einzubeziehen. Bei vorhandener Nachfrage seitens der Anleger würden Anbieter ohnehin Nachhaltigkeitsaspekte von sich aus berücksichtigen, so das cep.

Das cep stellt zudem die Frage, ob eine pauschale Senkung der Eigenkapitalanforderungen für Banken durch einen „grünen Unterstützungsfaktor“ die Finanzmarktstabilität gefährde. Zwar könnten physische Umwelt-Risiken wie die Klimaerwärmung oder sogenannte Transitions-Risiken wie etwa die Abschaffung des Verbrennungsmotors Risiken für Finanzinstitute mit sich bringen. Diese könne die Finanzaufsicht aber schon heute berücksichtigen, so dass es für größere Änderungen in den Aufsichtsvorschriften keinen Grund gebe, so das cep.

Kritik aus der Finanzindustrie: „Es wird viel gemessen und wenig verstanden“

Bereits Mitte des Jahres hatten Danske Bank und Invesco in der gemeinsamen Studie „Lost in Translation: In Search of Authenticity in ESG Integration“ mehr Authentizität in der ESG-Integration und mehr Klarheit über Ansätze, Strategien und Methoden für Asset Manager und Investoren gefordert. Die Autoren erklärten darin, dass im Zuge der Weiterentwicklung der ESG-Integration die Bedürfnisse der Investoren teilweise auf der Strecke blieben. Angesichts der vielen Hundert unterschiedlichen Bewertungsinstrumente und -initiativen, die inzwischen weltweit im Einsatz seien, sei zu befürchten, dass viele Ansätze der ESG-Integration zu einer reinen Pflichtübung werden – oder es bereits sind – und Asset Managern und Investoren wenig echte Erkenntnisse oder Mehrwert lieferten.

Mittlerweile werde viel gemessen, aber möglicherweise zu wenig verstanden, argumentieren Invesco und Danske Bank in der Studie. Die Autoren warnen davor, einer Branche, deren Stärke in der Vielfalt liegt, einen Einheitsansatz aufzuzwingen. Auch sollten Asset Manager und die Unternehmen, in die diese investieren, nicht für die Nichteinhaltung vorgegebener Standards bestraft werden, sondern zu einem kritischen Engagement und positiven Veränderungen ermutigt werden.