Gefährliche Brandherde

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Die EZB beklagt im neuen Finanzstabilitätsbericht Risiken, für die sie selber Verantwortung trägt. Aber nicht nur Negativzinsen können die Ursachen einer neuen Finanzmarktkrise sein.

Selbstgemachtes
Risiko

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat in ihrem aktuellen
Finanzstabilitätsbericht auf verstärkte Risiken hingewiesen, die u. a. durch
die Nullzins-Politik verursacht werden. Die EZB warnt davor, dass Versicherer
und Investmentfonds zunehmend in immer risikoreichere und illiquide Assets
investieren, um noch Erträge zu erwirtschaften. Seit März 2016 liegt der
EZB-Zins bei 0 Prozent, zudem verlangt die Zentralbank einen Negativzins von
-0,5 Prozent, wenn Banken Geld bei ihr parken. „Während das Niedrigzinsumfeld die Wirtschaft stützt, stellen wir auch eine
steigende Bereitschaft fest, wachsende Risiken einzugehen“, stellt Luis de Guindos,
Vize-Präsident der EZB, fest. Als weiteres Risiko nennt der Bericht die
düsteren Ertragsaussichten der Banken: „Die Eigenkapitalrendite der Banken im
Euroraum wird voraussichtlich weiter unter Druck bleiben – und zwar sowohl
aufgrund der schwächeren Konjunkturaussichten als auch aufgrund anhaltender
Kostenineffizienzen und Überkapazitäten.“

Ins gleiche Horn stieß Joachim
Wuermeling, das für Bankenaufsicht zuständige Vorstandsmitglied der Deutschen Bundesbank:
„Die niedrigen Zinsen setzen die Zinsmarge der Institute zunehmend unter Druck,
belasten deren Profitabilität und stellen so auch ein Risiko für die
Finanzstabilität dar.“ Die Deutsche Bundesbank stellte gestern, einen Tag nach
der EZB, ihren eigenen Finanzstabilitätsbericht vor. Auf der Liste der von der
EZB genannten möglichen Risiken stehen neben einer hohen Staatsverschuldung auch
gestiegene Preise bei Wohnimmobilien. Aus Sicht der EZB liegt die Überbewertung
im Wohnimmobiliensektor im Euroraum bei etwa 7 Prozent. Bei sinkenden Preisen
könnten Investoren in Schwierigkeiten geraten und dadurch eine Finanzkrise
auslösen.

Brandstifter EZB

Bernhard Matthes, Bereichsleiter Portfoliomanagement bei der Bank für Kirche
und Caritas eG, nahm die Ausführungen der EZB zum Anlass für deutliche Kritik
an der Notenbank. Aus Sicht des Experten würden die Hinweise der EZB an
Realsatire grenzen. Die Zentralbank würde sich wie ein Brandstifter verhalten,
der die Bewohner eines brennenden Hauses belehrt, besser nicht aus dem Fenster
zu springen, weil das riskant sei. Matthes kritisiert, dass beispielsweise die Deutsche
Bundesbank schon vor zwei Jahren davor gewarnt hat, dass die Immobilienpreise
in deutschen Großstädten 30 Prozent über den Preisen liegen, die fundamental
gerechtfertigt sind. In der Öffentlichkeit würden allerdings nur die Folgen,
nämlich steigende Immobilienpreise und Mieten diskutiert. Die Ursache, die aus
seiner Sicht in der Geldpolitik der EZB liegt, bliebe dagegen ungenannt.

Absturz ante portas?

Nicht nur in Europa sind Risiken für den Finanzmarkt auszumachen. Der
Frankfurter Asset Manager QC Partners hält es für möglich, dass es im kommenden
Jahr zu einer erneuten Insolvenz Argentiniens kommen könnte. In diesem Szenario
könnte es laut QC Partners zu einem Anstieg der Inflationsrate des Landes auf
75 Prozent und einem drastischen Einbruch des argentinischen Aktienmarktes um
ebenfalls 75 Prozent kommen. Würde die Krise nur auf Argentinien beschränkt,
wären die Folgen an den internationalen Finanzmärkten überschaubar. Eine
Ansteckung weiterer Schwellenländer durch Argentinien könnte allerdings deutlichere
Auswirkungen auf die globalen Aktienmärkte haben. Betroffen wären aus Sicht der
Experten vor allem Schwellenländer mit hohen Schulden. Die Länder könnten in
diesem Szenario in die Rezession rutschen, die heimischen Währungen würden
drastisch an Wert verlieren. Die Eintrittswahrscheinlichkeit dieses Szenarios
wird immerhin mit 50 Prozent veranschlagt.

Als weiteres Risiko nennt QC
Partners das weitere Andauern des Handelskonfliktes zwischen USA und China. Zur
Bekämpfung der wirtschaftlichen Folgen würde China die heimische Wirtschaft mit
massiven Investitionen stützen, die über Staatsanleihen finanziert würden. Die
höheren Zinsen könnten die hochverschuldeten Haushalte in Bedrängnis bringen. Dadurch
würde der Konsum einbrechen, die Ausfallraten bei den Krediten – mit
entsprechenden Folgen für die chinesischen Banken – steigen. Am Ende stünden
eine Finanzkrise und eine Rezession in China. Die Folgen wären in diesem
Szenario laut QC Partners gravierend: „Lokale chinesische Indizes geben 60 Prozent
nach, in Europa und den USA liegen die Kursverluste bei 40 Prozent.“