Hüfner: Investieren in Zeiten der Handelskriege

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An Daten und Ereignissen fehlt es den Märkten im Augenblick nicht. Das Problem ist die Bewertung und Einordnung.

  • Handelskriege sind
    keine Ausnahme mehr, sondern das „New Normal“ für die Kapitalmärkte.
  • Sieben Effekte,
    wie sich Handelskriege auf das fundamentale Umfeld auswirken.
  • Zentralbank-Put: Die Geldpolitik hat
    versprochen, bei einem größeren Einbruch der wirtschaftlichen Aktivität
    gegenzusteuern.

Wie wird man in zehn Jahren einmal auf das Jahr 2019
zurückschauen? Ist es das Jahr, in dem der zehnjährige Aufschwung nach der
großen Finanzkrise zu Ende kam?
In dem sich vielleicht eine globale Rezession anbahnt?

Oder ist es etwas ganz anderes, nämlich das Jahr der Han­delskriege?
Bis vor kurzem hätte ich noch gezögert, die pro­tektionistischen Maßnahmen des
amerikanischen Präsiden­ten gegen China und andere Länder so hoch zu hängen. Es
könnte ja wirklich sein, dass die USA nur Ungleichgewichte korrigieren wollten
und dass es dann wieder Ruhe gäbe.

Welthandel im Sinkflug
Veränderung qoq in %,
gleitender Durchschnitt

Welthandel
Welthandel
Welthandel

Inzwischen habe ich meine Meinung geändert. Entscheidend
dafür war zuerst der abrupte Abbruch der Verhandlun-gen der USA mit China über
eine Beilegung des Handelsstreites. Das hat mich skeptisch gemacht, ob Trump
wirklich eine Einigung wollte. Kurz danach dann die Ankündigung neuer Zölle
gegen Mexiko als Strafaktion wegen mangelnder Anstrengungen zur Eindämmung des
Flüchtlingsstroms. Beides deutet darauf hin, dass Zölle und sonstige Handels­restriktionen
nicht mehr Ausnahmen sind in einem System sonst freien Handels. Wenn Trump
irgendetwas nicht passt (nicht nur im Handel), dann erhöht er Zölle (oder droht
da­mit). Das wird auch woanders Schule machen.

Handelskriege sind, um eine alte Metapher aufzugreifen, das
„New Normal“ der Weltwirtschaft geworden. Der UBS-Volkswirt Paul
Donovan sagte kürzlich: „Der Geist der Handelssteuern ist aus der
Flasche.“

Das wird noch viele Überraschungen bringen. Es kann neue
Zölle gegen die Autoindustrie geben. Es können an anderen Stellen neue
Kriegsschauplätze eröffnet werden, die wir uns heute noch gar nicht vorstellen
können. Es geht im Übrigen auch nicht nur um Trump. Auch in anderen Ländern
gibt es ähnliche Überlegungen. Ich vermute, dass wir hier erst am Anfang einer
längeren Entwicklung stehen.

Das ändert natürlich auch das Umfeld für die Kapitalmärkte.
Hier sieben aus meiner Sicht wichtige Effekte.

Erstens ver­ringert sich der Welthandel, der in der Nachkriegszeit
immer eine der treibenden Kräfte der wirtschaftlichen Entwicklung war. Das
trifft alle am Welthandel teilnehmenden Staaten, besonders aber natürlich
handelsintensive Staaten wie etwa Mexiko oder Deutschland. Das Wachstum des
Welthandels ist seit Anfang 2017, als Trump Präsident wurde, regelrecht
abgestürzt (Grafik).

Zweitens verringert
sich als Folge davon das gesamtwirt-schaftliche Wachstum. Die konjunkturellen
Risiken nehmen zu. Der IWF hat letzte Woche den Schaden für das Sozialprodukt
allein durch die amerikanisch-chinesischen Ausei­nandersetzungen mit USD 455
Mrd. beziffert. Die Weltwirt­schaft würde 2020 um einen halben Prozentpunkt
langsa­mer wachsen, und zwar um 3,3 %. Das ist im Weltmaßstab gesehen praktisch
Rezession.

»Der Geist der Handelssteuern ist  aus der Flasche.«

Drittens steigt
die Inflation. Die Preise der von Zöllen be­lasteten Güter erhöhen sich.
Theoretisch wäre es auch denkbar, dass die exportierenden Länder die Zölle
tragen und ihre Güter billiger verkaufen. Nach allem, was wir in den USA sehen,
ist dies diesmal aber nicht der Fall. Goldman Sachs schätzt, dass sich der
Geldwert in den Vereinigten Staaten um mehr als einen Prozentpunkt
verschlechtert.

Viertens nehmen die Staatseinnahmen zu. Die Zölle wirken
für das zollerhebende Land wie eine Umsatzsteuer. Das verringert in den USA das Haushaltsdefizit. Andererseits
verringern sich dadurch aber die positiven Effekte auf die Nachfrage, die sich
durch die große Steuersenkung im ver­gangenen Jahr ergeben. Das ist im
Augenblick noch „Klein­geld“. Die gesamten Zolleinnahmen der USA
betrugen im ersten Quartal auf Jahresbasis USD 75 Mrd., doppelt so viel wie in
der gleichen Zeit des Vorjahres. Es wird aber von Mo­nat zu Monat mehr.

Fünftens erhöht
sich das US-Handelsbilanzdefizit. Es er­reichte im vierten Quartal 2018 mit USD
232 Mrd. den höchsten Stand, den es je gegeben hatte. Das ist über­raschend.
Hatte Trump die Zollerhöhungen nicht ausdrück­lich auch damit begründet, dass
die Ausländer die USA im Handel ausbeuteten und sie daher einen Fehlbetrag
hinneh­men müssten? Der Präsident wird all seine Tweet-Künste aufbieten müssen,
um seinen Wählern zu erklären, dass das mit der Handelsbilanz nicht so läuft,
wie er es verspro­chen hatte.

Sechstens
verringert sich die Rentabilität der Unterneh­men. Langfristige Planungen
werden erschwert. BMW hat vorige Woche ein neues Werk in Mexiko eröffnet, das durch die neuen Zölle der
USA gegen Mexiko möglicherweise we­niger verdienen wird als ursprünglich
geplant. Unterneh­men müssen für die neuen Risiken vorsorgen.

Siebtens sind die
Zinsen bisher wegen des langsameren Wachstums und der lockereren Geldpolitik
zurückgegan­gen. Dagegen stehen aber die zunehmende Inflation und die erhöhte
Unsicherheit auf den Märkten, die die Risiko­zuschläge nach oben treibt. Das
Endergebnis ist offen.

Für den Anleger

Per Saldo wird das Investieren an den Kapitalmärkten in
Zeiten des Handelskriegs schwieriger. Die Gewinne sinken, das Wachstum wird
schwächer. Andererseits – und das ist wichtig – gibt es einen positiven Effekt.
Die Zentralbanken haben die monetären Schleusen aufgemacht. Sie haben einen Put
in die Märkte eingezogen. Sie haben verspro­chen, dass sie bei einem stärkeren
Einbruch der Wirtschaft – komme was wolle – gegensteuern werden. Das gilt so­wohl
für die Federal Reserve wie auch für die EZB. Das stützt die Märkte.