Hüfner: Konjunktur versus Klima

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Könnte es sein, dass das Klimaschutzpaket der deutschen Regierung die Konjunktur noch weiter kaputt macht?

  • Die zwei wichtigsten Ziele der Wirtschaftspolitik in
    Deutschland sind derzeit, das Klima zu verbessern und die Konjunktur zu stabilisieren.
  • Beide Ziele stehen in Konkurrenz: Das Klima erfordert
    Konsumverzicht, die Konjunktur eine Ausweitung des Konsums.
  • In der Praxis gibt es aber Möglichkeiten, eine gegenseitige
    Behinderung zu vermeiden.

Die FAZ reihte ihn in die Kategorie der „Weltverbesserer“
ein. Das war sicher etwas übertrieben. Der Wiener Ökonom Eugen von Böhm-Bawerk
hat die Welt vor 150 Jahren nicht besser gemacht. Er hat in der Wissenschaft
aber mit vielen historischen Vorurteilen vor allem beim Zins aufgeräumt.
Kernpunkt seiner Theorie war die Unterscheidung zwischen Gegenwarts- und
Zukunftsgütern. Der Zins ist das Aus­tauschverhältnis zwischen beiden.

Damit wurde der Grundstein für das Konzept der Zeitpräfe­renz
gelegt, das in letzter Zeit zunehmend aktuell und wich­tig geworden ist. Die
Zeitpräferenz besagt, dass die Men­schen den Konsum von Gegenwartsgütern höher
schätzen als den Verbrauch zukünftiger Güter. Es ist schöner, heute im Lotto zu
gewinnen, als dafür bis auf die Zukunft warten zu müssen.

Die Zeitpräferenz hat viel mit der menschlichen Psyche zu
tun. Wir sind von Natur aus ungeduldig. Vor allem Kinder, für die die Zukunft
erfahrungsgemäß immer weit weg ist, haben eine hohe Zeitpräferenz. Ältere
denken dagegen häufig in längeren Zeiträumen. Zeitpräferenz hängt aber auch mit
den Risiken zusammen, die die Zukunft mit sich bringt. Güter können in Zukunft
teurer sein. Vielleicht wird der Verbraucher in Zukunft auch krank oder kann
den Kon­sum morgen nicht mehr so genießen.

»Konjunktur versus Klima – das passt nicht zusammen.«

In letzter Zeit ist das Konzept der Zeitpräferenz allerdings
etwas löchrig geworden. Es hat sich nämlich gezeigt, dass die Annahme einer
positiven Zeitpräferenz keineswegs so allgemeingültig ist, wie dies bisher
angenommen wurde. Es gibt auch eine negative Zeitpräferenz. Sie liegt dann vor,
wenn Zukunftsgüter gegenüber Gegenwartsgütern vorgezo­gen werden. Beispiel: Wir
sparen, um die Altersvorsorge aufzustocken. Dann rutscht der Zins ins Minus.

Die Zeitpräferenz spielt aber nicht nur beim
Zins eine Rolle. Im Augenblick erleben wir ein ähnliches Phänomen in der
Wirtschaftspolitik. Zwei Konzepte stehen hier miteinander in Konkurrenz. Das
eine ist der Klimaschutz. Die deutsche Re­gierung hat dazu in der vorigen Woche
ein umfangreiches Maßnahmenpaket verabschiedet. Damit soll der heutige Konsum
eingeschränkt werden, „um künftige Generationen vor den wahrscheinlich
negativen Folgen heutiger Emissio­nen zu bewahren“, wie es in der
Gemeinschaftsdiagnose der wirtschaftswissenschaftlichen Institute heißt. Das
ist ein klarer Fall negativer Zeitpräferenz. Das Wohlergehen in Zu­kunft wird
zu Lasten der Gegenwart gefördert.

Klimapaket
Klimapaket
Klimapaket

Dagegen steht aber gleichzeitig ein ganz anderes Konzept,
das auf einer positiven Zeitpräferenz beruht. Das ist die Konjunkturpolitik.
Wenn sich die Wirtschaft weiter ab­schwächt, dann ist es allgemeiner Konsens,
dass die Fis­kalpolitik Defizite eingeht und die gesamtwirtschaftliche Nachfrage
stützt. Damit soll der Gegenwartskonsum ge­stärkt werden, auch wenn man sich
dazu verschulden muss und damit den Zukunftskonsum beeinträchtigt.

Konjunktur versus Klima – das passt nicht zusammen. Der
Staat muss sich entscheiden. Will er die Konjunktur stabili­sieren, dann muss
er Abstriche beim Klimapaket machen. Oder hält er am Klimapaket fest, dann muss
er ein Kippen der Konjunktur in Kauf nehmen. Wenn im Winter die Ar­beitslosigkeit
zunimmt, kommt es zum Schwur.

Glücklicherweise wird auch hier nicht so heiß gegessen wie
gekocht wird. Das hängt zum einen damit zusammen, dass das Klimapaket der
Regierung doch insgesamt sehr be­scheiden ist. Es beläuft sich über vier Jahre
aufsummiert auf EUR 54 Milliarden. Das sind nur 1,5 % der Ausgaben der Gebietskörperschaften
in dieser Zeit (Grafik) und sogar nur 0,4 % des Bruttoinlandsproduktes.
Damit wird der Ge­genwartskonsum nicht wirklich eingeschränkt. Es bleibt noch
Platz für ein finanzpolitisches Ankurbelungsprogramm, das sich nicht auf vier
Jahre, sondern auf einen kurzen Zeit­raum von vielleicht sechs Monaten bezieht,
in denen die Nachfrage angekurbelt wird.

Hinzu kommt, dass ein Konjunkturprogramm zwar den Ge­genwartskonsum
stützen soll. Es soll aber keineswegs den Zukunftsverbrauch bremsen. Im Gegenteil.
Sinn eines „Pump-Priming“ mit öffentlichen Mitteln ist es, einen
einmali­gen Anstoß zu geben. Er soll sich über den Multiplikator der
gesamtwirtschaftlichen Nachfrage auch auf die Zukunft po­sitiv auswirken und
das Wachstum verstetigen.

Das Klimapaket enthält im Übrigen eine Reihe von
Maßnah­men, die auch in ein Konjunkturprogramm eingebaut wer­den können. Das
letzte Konjunkturprogramm in der großen Finanzkrise enthielt eine
Abwrackprämie. Das hat damals funktioniert, kommt heute aber sicher nicht in Frage. Man
kann aber durchaus an Investitionen in Erneuerbare Ener­gien, die Förderung
energiesparender Autos oder neuer Heizungen in großem Stil denken. Wichtig ist
nur, dass das nicht wie im Klimapaket Langzeitinvestitionen sind. Sie müssen
vielmehr als Anschub auf einen kurzen Zeitraum konzentriert werden.

Schließlich: Das Klimapaket läuft nur sehr langsam an. Der
Preis für CO2-Emissionen ist nach heutigem Stand der Din­ge 2020 mit
zehn Euro noch verschwindend gering. Der Haupteffekt kommt erst in den späteren
Jahren, in denen die Konjunkturproblematik sich dann hoffentlich nicht mehr
stellt.

Für den Anleger

Lassen Sie sich durch wirtschaftspolitische Konflikte nicht
beirren. Die Konjunktur wird durch das Klima nicht kaputt gemacht. Auch der Kapitalmarkt
braucht sowohl eine stabile Konjunktur als auch eine Verbesserung des Klimas.
Je kon­sequenter der Staat auf beiden Seiten vorgeht, umso bes­ser für den
Anleger.