Hüfner: Revolution bei den Target-Salden

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Könnte es sein, dass ein berühmter Kritikpunkt am Euro verloren geht? Müssen wir bei den Target-Salden umdenken?

  • Neue Entwicklung am europäischen Geldmarkt. Die
    Target-Salden steigen nicht mehr, sondern verringern sich.
  • Grund ist die Einführung des Tierings durch die EZB, durch
    das die Belastung der Banken durch die Minuszinsen verringert werden soll.
  • Effekt nicht überschätzen: Durch die Wiederaufnahme der
    Wertpapiergeschäfte seit 1. November werden die Target-Salden auch wieder nach oben
    gehen.

Zuerst hatte ich davon aus London gehört. Ein Kollege er­zählte
mir, dass deutsche Banken ihren Widerwillen gegen Geldzuflüsse aus Italien
aufgegeben hätten und nun ihrer­seits selbst kräftig Mittel bei
Kreditinstituten in dem Land deponieren würden. Ich konnte mir das nicht
vorstellen. Es schien eine der üblichen Sottisen zu sein, die Engländer über
die „Konkurrenz“ in Deutschland erzählen. Ich ging der Sache trotzdem nach und – was Wunder – der Kollege hatte tatsächlich recht.
Deutschland und andere Länder des Euroraumes tun das, was sie sich immer geweigert hatten. Sie legen Geld bei
Banken in Rom, Mailand und anderen Städten des Landes an.

»Es ist ein Schlag gegen
alle Eurokri­tiker und Crash-Propheten, die aus den Target-Salden einen
Zusammen­bruch des Euros vorhersagten.«

Als Folge dessen gehen die viel gescholtenen Target-Sal­den
– das heißt die deutschen Überschüsse beziehungs­weise Defizite im europäischen
Zahlungsverkehrssystem Target – zurück. Allein im Oktober war es ein Betrag von
knapp EUR 80 Mrd. Wahrlich kein Pappenstiehl. Siehe Grafik. Nach dem Auslaufen
der Wertpapierkäufe der EZB Anfang des Jahres hatte jeder zwar damit gerechnet,
dass die Target-Salden nicht mehr steigen würden. Aber dass sie zurückgehen,
und das auch noch unmittelbar vor dem Be­ginn neuer Wertpapierkäufe im November,
das hatten wohl wenige auf der Rechnung.

Es ist ein Schlag gegen alle Eurokritiker und Crash-Pro­pheten,
die aus den Target-Salden einen Zusammenbruch des Euros vorhersagten und vor
allem auch eine Pleite der Bundesrepublik, die über die höchsten Target-Salden
ver­fügt. Es ist daher nicht verwunderlich, dass in Deutschland bisher niemand
über das neue Phänomen der Umkehr bei den Target-Salden spricht.

Was ist passiert, das so eine Revolution bei den
Target-Salden auslöst? Um mit dem Negativen zu beginnen: An der wirtschaftlichen
und politischen Situation Italiens liegt es nicht. Das Damoklesschwert einer
Regierung Salvini ist zwar abgewehrt worden. Aber die neue Regierung Conte geht
die notwendigen Reformen keineswegs kraftvoll und überzeugend an. Sie ist auch
nicht so gefestigt, dass man ihr eine lange Lebensdauer prognostizieren würde.

Die Zinsen in Italien sind gefallen. Sie liegen für 10-jährige
Staatspapiere bei 1,3 %. Das ist zwar erfreulich. Angesichts der nach wie
vor bestehenden Risiken in dem Land er­scheint der Zinsrutsch vielen aber zu
groß. Sie rechnen eher mit Zinssteigerungen. Auch das ist kein Grund für Geldtransfers
in das Land.

Wirtschaftlich schrammt das Land an einer Rezession. Die
Staatsverschuldung ist nach wie vor zu hoch. Die Leistungs­bilanz ist zwar im
Plus, aber nicht wegen der hohen Wettbe­werbsfähigkeit, sondern weil das
Wachstum so niedrig ist. All das was wir von unserem südlichen Nachbarn schon
seit langem kennen.

Target-Salden Bundesbank
Target-Salden Bundesbank
Target-Salden Bundesbank

Woher dann also die Geldzuflüsse? Sie haben einen ganz
anderen Grund. Sie hängen nicht mit der Attraktivität Itali­ens für
Kapitalströme zusammen. Hier spielt vielmehr die Einführung des „Tierings“
eine Rolle, das die EZB am 12. September beschlossen hatte, um die Banken bei
den ne­gativen Einlagenzinsen zu entlasten. Durch das Tiering wer­den nicht wie
bisher alle Überschussreserven der Banken mit Strafzinsen belegt, sondern nur
ein Teil. Der Rest darf frei zu 0 % (statt minus 0,5 %) angelegt werden.

Für die deutschen Banken ist das keine große Erleichte­rung.
Sie haben so viele Überschussreserven, dass ihnen keine Freibeträge verbleiben.
Bei den italienischen Banken ist das anders. Sie besitzen nämlich – ebenso wie
etwa die spanischen Häuser – relativ wenig Überschussreserven. Der Freibetrag,
den sie durch das Tiering bekommen, ist größer als das, was sie tatsächlich
benötigen. Das bedeu­tet, dass sie den Freibetrag anderen zur Verfügung stellen
können. Und genau das tun sie. Deutsche Kreditinstitute nutzen das. So kommt es
zu den Geldflüssen von Deutschland nach Italien.

Das Ganze dürfte sich nicht nur auf Deutschland und Italien
beziehen, sondern auch auf andere Euromitglieder, die Frei­beträge für ihre
Überschussreserven suchen beziehungs­weise anbieten. Leider liegen dazu noch
keine aktuellen Zahlen vor. Deutschland und Italien dürften aber die promi­nentesten
Länder sein.

Was ist davon zu halten? Insgesamt ist es eine
positive Ent­wicklung. Die Fragmentierung der nationalen Geldmärkte verringert
sich. Es passiert ein Schritt in Richtung einer engeren Zusammenarbeit in der
Bankenunion, die auch auf deren Gebieten angestrebt wird. Das Ärgernis der Target-Salden,
das so viel diskutiert und kritisiert wird (ob mit Recht oder nicht), verliert
etwas von seinem Schrecken. Ich ver­mute, dass die Target-Salden im November
noch stärker zurückgehen, da die Tiering-Regel dann offiziell in Kraft getreten
ist.

Andererseits sollte man aber auch nicht übertreiben. Die
gesamten Target-Forderungen der Bundesbank belaufen sich auf EUR 837 Mrd. Der
Rückgang, den wir im Oktober gesehen haben, ist ein Tropfen auf den heißen
Stein. Zu­dem ist zu berücksichtigen, dass die Europäische Zentral­bank im
November die Wertpapierkäufe wieder aufgenom­men hat. Es handelt sich zwar um
einen relativ geringen Betrag (EUR 20 Mrd. pro Monat). Aber auch dadurch wer­den
die Target-Salden wieder steigen.

Für den Anleger

Für die Kapitalmärkte ist der Rückgang der Target-Salden
gut. Die europäische Integration wächst weiter, wenn auch im Schneckentempo.
Die Belastungen des Euros mindern sich. Insgesamt dürften sich die Effekte aber
in Grenzen halten. Die Symbolkraft ist aber umso größer.