Hüfner: Wandel bei den Target-Salden

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Lange nichts mehr von den Target-Salden gehört. Ist das ein gutes oder schlechtes Zeichen?

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Um
die Target-Salden im Euro ist es ruhiger geworden. Zwar sind sie höher als zu
den schlimmsten Zeiten der Krise, aber kaum jemand redet mehr davon.

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Entscheidend
dafür ist, dass Vertrauen in die Währungsunion zurückgekehrt ist. Banken sind
wieder bereit, sich grenzüberschreitend Kredit zu geben.

>    Es ist zu befürchten, dass
die Target-Salden wieder ansteigen – allerdings aus einem anderen Grund als
bisher und mit anderen Folgen.

Wenn es keine Skandale gibt, wird es langweilig. Die Tar­get-Salden
der Bundesbank waren lange Zeit das „Enfant Terrible“ des Euros. Was
wurde nicht alles darüber ge­schrie­ben? Sie seien der Sprengsatz, der die
Währungs­union zum Scheitern bringen werde. Sie führten zur Ver­armung
Deutschlands, weil die südeuropäischen Partner immer mehr Geld haben wollten.
Deutschland ginge pleite, wenn Italien aus dem Euro ausscheiden würde, etc.

Und plötzlich ist der Spuk vorbei. Die Target-Salden sind
heute zwar höher als zu den schlimmsten Zeiten der Krise. Aber mit einem Mal
redet kaum jemand mehr davon (außer notorische Kritiker des Euros). Die F.A.Z
berichtet nur noch selten von den neuen Zahlen. Irgendetwas muss da anders
gelaufen sein, als sich das die Kassandras vorgestellt hat-ten. Ist es auch.
Allerdings haben es die wenigsten bemerkt.

Target-Salden
Target-Salden
Target-Salden

Zur Erinnerung: Target (genauer Target 2) ist eines der
größten Zahlungsverkehrssysteme der Welt. Es wickelt täg­lich (!) Überweisungen
im Wert von EUR 1.700 Mrd. inner­halb der europäischen Währungsunion ab. Zu
größeren Pannen ist es dabei bisher nicht gekommen.

Wie bei jedem Clearing-System entstehen bei der
Abwick­lung der Zahlungen Salden, zum Beispiel wenn eine Bank an einem Tag mehr
Zahlungen an das Ausland leistet als 

sie empfängt. Normalerweise gleichen sich solche Salden über
die Zeit aus. Das war in den ersten zehn Jahren der Währungsunion auch
regelmäßig der Fall. Die Salden wa­ren null (siehe Grafik).

»Die neuen Target-Salden sind etwas ganz anderes.«

Problematisch wurde es erst mit der großen Finanz- und
Eurokrise. Da trauten sich die Banken gegenseitig nicht mehr über den Weg. Sie
wollten auch vorübergehende Salden nicht mehr in ihren Büchern halten. Wenn es
einen Saldo gab, wurde er sofort an die Notenbanken weiterge­reicht. Das war
die Geburtsstunde der Target-Salden der Bundesbank. Sie sind also Ausdruck des
Misstrauens zwi­schen den Banken in der Währungsunion. Sie sind ein Kri­senindikator.
Seit 2007 sind sie auf fast EUR 1.000 Mrd. gestiegen.

Das ist es, wovor die Menschen Angst haben: Ein riesiger
Schuldenberg, der wohl nie wieder abgebaut wird. Der gu­ten Ordnung halber muss
man freilich hinzufügen, dass es in letzter Zeit noch einen anderen Grund für
die Target-Sal­den gab. Das waren die Wertpapierkäufe der EZB. Durch die Art
ihrer technischen Abwicklung entstehen ebenfalls Salden in Target 2. Das
Kaufprogramm ist aber im vorigen Jahr ausgelaufen. Von dieser Seite gibt es
also heute kein Störfeuer mehr.

Jetzt kommt die gute Nachricht. Auch die auf dem Misstrau­en
beruhenden Target-Salden erhöhen sich nicht mehr. Die Banken sind wieder
bereit, sich gegenseitig Kredit zu ge­währen. Wenn ein Saldo auftritt, wird er
von den beteiligten Kreditinstituten in die eigenen Bücher genommen. Der
Geldverkehr im Euroraum funktioniert nicht mehr anders als der auf den nationalen Märkten.

Daran ändern auch die immer noch bestehenden Probleme im
Euro nichts. Siehe zum Beispiel die Streitereien zwi­schen Rom und Brüssel seit
letztem Jahr über zu hohe italienische Budgetdefizite und über ein mögliches
Defizit­verfahren. Die deutschen Banken waren auch in dieser Zeitweiterhin bereit, Italien Linien einzuräumen. Die Verhältnis­se
im Euro haben sich normalisiert. Die Target-Salden blei­ben gleich. Es ist
nicht viel anders als in den zehn Jahren vor den Krisen, nur leider auf höherem
Niveau.

So schön so gut. Es bleibt aber ein Schönheitsfehler. Wenn
alles wieder so gut ist, warum werden dann nicht auch die Bestände der Salden
abgebaut, die bis jetzt aufgelaufen sind? Warum gehen sie nicht auf null
zurück? Nach dem Höhepunkt der Eurokrise 2012 wurden die Salden ja auch eine
Zeitlang abgebaut.

Das hat viele Gründe. Zum einen bewegen wir uns noch auf
dünnem Eis. Es dauert eine Weile, bis das Ende der Krise überall in den Köpfen
angekommen ist und die Risiko-Ma­nager der Banken grünes Licht geben. Zum
anderen han­delt es sich um riesige Beträge, bei denen es Zeit braucht, um sie
abzubauen. Hinzu kommt, dass Deutschland durch seine Leistungsbilanzüberschüsse
Monat für Monat neue Forderungen aufbaut, die von den Partnerländern absorbiert
werden müssen. Auch das ist ein Batzen Geld.

Es kommt aber noch schlimmer. Wegen der
niedrigen Inflation und der schlechten Konjunktur ist damit zu rech­nen, dass
die EZB die Wertpapierkäufe wieder aufnimmt.

Damit entstehen neue Target-Salden. Sie werden also nicht
weniger, sondern eher mehr.

Aber, und das ist wichtig: Die neuen Target-Salden sind et­was
ganz Anderes als die bisherigen. Davor müssen wir keine Angst mehr haben. Sie
sind nicht mehr ein Symptom von Krisen und mangelndem Vertrauen. Sie sind ein
Kolla­teralschaden der Geldpolitik. Gegenpol sind auch nicht mehr Schulden
Italiens oder Spaniens, sondern zunehmend Verbindlichkeiten der EZB. Man sollte
darüber nachdenken, ob bei den Wertpapierkäufen nicht Lösungen möglich sind,
die Salden zu vermeiden.

Für den Anleger

Die Normalisierung der Target-Salden ist ein gutes Zeichen
für die Kapitalmärkte. Der Euro wird stärker. Für die Banken fallen Risiken
weg. Freuen wir uns aber nicht zu früh. In den letzten Monaten sind neue
Risiken dazugekommen. Per Saldo ist das Umfeld der Märkte eher schwieriger
gewor­den.