Kames Capital: Einzelhandel und Finanzsektor unter dem Einfluss der Amazon-Expansion

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Amazons Zahlen für das 4. Quartal wurden aktuell vom Markt mit Freude aufgenommen: Die Aktie stieg um fast 10%, während der Markt insgesamt von der Coronagrippe geschwächt wurde.

Hendrik Tuch
Hendrik Tuch
Hendrik Tuch, Head of Fixed Income bei Aegon Asset Management

Hendrik Tuch, Head of Fixed Income bei Aegon Asset Management.

Aber werden diese Zahlen reichen, um eine
Billionen-Dollar-Marktkapitalisierung zu rechtfertigen? Hier sind Zweifel
angebracht. Dennoch kann Amazon als ein Beispiel dienen, wie man erfolgreich
expandiert.

Bezos begann vor gerade einmal 25 Jahren in einer Garage in
Seattle und war einer der vielen, die annahmen, dass das Internet den
traditionellen, stationären Handel verändern werde.  Er suchte nach einem marktfähigen Angebot,
das er im Online-Verkauf von Büchern fand, mit einem erheblichen Preisnachlass
gegenüber den festen Preisen der großen Buchhandelsketten. Die Kombination aus
geringeren Preisen, der Lieferung nach Hause und einer ständig wachsenden
Auswahl an Werken verlagerte einen immer größeren Teil des Buchhandels nach
Seattle. Jedes Mal, wenn Amazon ankündigte, in einen neuen Markt einzusteigen
(Online-Verkauf von Medikamenten, Einstieg in den Einzelhandel durch den Kauf
der Supermarktkette Whole Foods usw.), fielen die Aktienkurse der bestehenden
Sektorspezialisten erheblich. Und diese Angst geht über den Einzelhandel
hinaus: Amazon hat den gleichen Preiskampf im Cloud-Sektor ausgelöst, nachdem
es seinen eigenen Cloud-Service (AWS) gestartet hatte. Keine so schlechte Idee,
wenn man bedenkt, dass Amazon weltweit schätzungsweise 500.000 Server nutzt und
somit auch selbst eine gewisse Kaufkraft besitzt, um dieses Geschäft zu
betreiben.

Nun wird auf dem Markt viel über die Alterung als Grund für
die niedrige Inflation diskutiert, die wir in den letzten zwei Jahrzehnten
erlebt haben. Aus unserer Sicht hat dies jedoch viel mehr mit dem Amazon-Effekt
zu tun als mit einem durch die alternde Gesellschaft verursachten Sparschock
nach oben. 20 Jahre später sehen wir zur Freude der Verbraucher in den
westlichen Ländern eine permanente Deflation der Waren. Das Internet hat die
Gewinnspannen im Einzelhandel für nicht verderbliche Waren so stark gedrückt,
dass viele Einzelhändler, die ihre Kunden seit Jahrzehnten oder länger
bedienen, um ihr Überleben kämpfen. Wird sich diese Tendenz in nächster Zeit
wieder verändern? Es sieht sehr unwahrscheinlich aus, dass eine wachsende Zahl
von Sektoren diesem Druck standhalten kann. Das Endergebnis wird möglicherweise
darin bestehen, dass mehr Hersteller beginnen, direkt an ihre Endkunden zu
vertreiben und versuchen den teuren Vertriebsweg im Einzelhandel zu überspringen.
Zu den Apple-Stores werden sich mehr Luxusgüterhersteller für den
Endverbraucher gesellen. Diese werden ebenfalls den gesamten Vertriebskanal von der
Produktion bis zum Verkauf an den Endverbraucher kontrollieren wollen, um ihre
Gewinnspannen auf einem hohen Niveau zu halten. Tesla hat Läden eröffnet und
die meisten davon wieder geschlossen. Ich kann mir dennoch vorstellen, dass
andere globale Autokonzerne sich letztlich dafür entscheiden, ihren gesamten
Vertriebsmaßnahmen zu kontrollieren – mit einer Mischung aus Internet-Verkauf
und örtlichem Kundendienst.

Im Finanzsektor haben wir mit dem Eintritt passiver Fonds
eine ähnliche Bedrohung erlebt. Kunden mögen sicherlich die einfach zu
handhabenden ETFs und andere preiswerte passive Anlageinstrumente. Dieser Trend
wird nicht plötzlich verschwinden: Kunden (sowohl professionelle als auch
Retail-Kunden) werden günstige und bequeme Produkte zur Anlage ihrer
Ersparnisse nachfragen. Sie interessieren sich nicht für die steigenden Kosten
für die Einhaltung der Vorschriften und erwarten eine Bereitstellung noch am
selben Tag, genau wie bei Amazon. Die Finanzdienstleistungsbranche wird ihr
Geschäftsmodell anpassen müssen, um spezialisierte Produkte zu schaffen und zu
verwalten. Sie wird sich aber auch daran gewöhnen müssen, eine Vielzahl von
Vermögenswerten für geringere Gebühren zu verwalten.