Kames Capital: Wann ist der Markt-Tiefpunkt erreicht und wie geht es weiter?

Schlagworte: , , , , , , ,
Colin Dryburgh, Co-Manager des Kames Global Diversified Growth Fund, macht sich ein Bild zu den aktuellen Marktbedingungen und nimmt aus Sicht eines Multi Asset-Investors Stellung zu einigen der brennendsten Fragen, die sich Anleger momentan stellen.

Er
zeigt auf, wie der Markt-Tiefpunkt aussehen wird, wie es weitergehen
dürfte und ob es eventuell zu einem Führungswechsel an den Märkten
kommen könnte.

Vom Erreichen des Markt-Tiefpunktes

Ein
anhaltender Tiefpunkt an den Märkten erfordert: Die erfolgreiche
Eindämmung des Virus, wirtschaftspolitische Maßnahmen, die
sicherzustellen, dass der wirtschaftliche Schaden nicht dauerhaft ist
und Investoren, die fallende Kurse eingepreist haben. Noch gibt es keine
eindeutigen Anzeichen dafür, dass der Ausbruch unter Kontrolle gebracht
werden kann. Die derzeitigen politischen Maßnahmen waren massiv. Einige
Länder visieren eine finanzielle Unterstützung von 15 Prozent des BIP
oder mehr an. Politischen Entscheidungsträger müssen Investoren davon
überzeugen, dass sie buchstäblich „alles tun werden, was nötig ist“. 
Obwohl sich das Virus seit Monaten ausbreitet, sind die Aktienmärkte
erst seit etwa fünf Wochen in der Krise. Die Dauer der Auswirkungen des
Coronavirus auf den Markt wird mindestens mehrere Monate oder Quartale
statt Wochen betragen.

Marktspezialisten
zufolge, haben fallende Kurse drei Phasen: Panik (hier befinden wir uns
gerade), Erleichterung (wenn die Talfahrt abnimmt) und dann
Demoralisierung (wenn die neue wirtschaftliche Realität erneut einbricht
und die Märkte die jüngsten Tiefstände testen). In den kommenden Wochen
sind Erholungsrallyes wahrscheinlich, aber es wird wahrscheinlich
länger dauern, bis ein anhaltender Tiefpunkt an den Märkten erreicht
wird.

Die am stärksten betroffenen Sektoren

Zyklische
Sektoren, wie die Energie-Branche aufgrund niedriger Ölpreise,
Finanzwerte aufgrund von Bedenken hinsichtlich Verschuldung und
potentieller Zahlungsausfälle sowie Industrie und Material sind am
stärksten betroffen. Unternehmen mit hoher Verschuldung werden sich
schlechter entwickeln als Unternehmen mit stärkeren Bilanzen. Denn die
Fähigkeit von Unternehmen ihre Schulden während des wirtschaftlichen
Stillstands zu bedienen, scheint gering. 

Investitionen in Gold, Silber und andere Wertspeicher

Es
überrascht vielleicht, dass Gold in der Anfangsphase eines Bärenmarktes
oft nachgibt.  So hat der Goldpreis beispielsweise etwa zwölf Monate
nach den Höchstständen der Aktienmärkte von 2000 und 2007 einen
Tiefststand erreicht. Die Motivation, Gold zu halten, ist je nach
Anleger unterschiedlich. Für einige ist es ein langfristiges
Wertspeicher. Anleger, die es als spekulatives Finanzinstrument oder als
Portfolio-Absicherung besitzen, können gezwungen sein, Positionen zu
liquidieren, wenn sie bei anderen Investitionen Geld verlieren. Dies ist
wahrscheinlich die beste Erklärung für den jüngsten Rückgang. Zurzeit
gibt es eher ein Gerangel um Bargeld.

Die
monetäre und finanzielle Reaktion auf diese Krise ist zu Recht enorm.
Wenn große Geldmengen in die Wirtschaft gepresst werden, kann dies
letztendlich zu Inflation und einem Vertrauensverlust in Fiat-Währungen
(Papiergeld) führen. Dies wäre wiederum sehr positiv für den Goldpreis.

Bedeutung des sinkenden Ölpreises für große Unternehmen

Das
Sinken des Ölpreises auf bis zu 17 Dollar pro Barrel oder sogar auf ein
negatives Niveau ist eindeutig nicht positiv für die
erdölproduzierenden Unternehmen. Einige der Unternehmen mit hohen
Produktionskosten werden eventuell nicht überleben. Die mittelgroßen
US-amerikanischen Ölgesellschaften sind große Emittenten von
Hochzinsanleihen und sind auch Hochkostenproduzenten. Ausfälle in diesem
Bereich sind sehr wahrscheinlich.

Konsumenten
und die meisten Unternehmen sind Energieverbraucher, so dass sich
niedrigere Ölpreise in der Regel positiv auf den Verbrauch und die
Betriebskosten auswirken. Doch jeder kurzfristige Vorteil wird durch die
umfassenderen wirtschaftlichen Auswirkungen des Coronavirus in den
Hintergrund treten.

Führungswechsel an den Märkten

Sofern
China und Südkorea bald aus der Corona-Situation herauskommen, scheinen
Investments in diese Märkte angebracht. Große Marktereignisse, wie die
Corona-Krise, führen nicht selten zu einem Führungswechsel innerhalb der
Märkte. Zum Beispiel hinkten die Schwellenländer Ende der 1990er Jahre
ihren Konkurrenten aus den Industrieländern hinterher und schnitten dann
nach dem Zusammenbruch der Dot-Coms Anfang der 2000er Jahre dann besser
ab. Seit der Großen Finanzkrise entwickelten sich die Schwellenmärkte
dann aber wieder schlechter. Die aktuelle Marktkrise könnte durchaus zu
einem Führungswechsel führen, der die Schwellenländer und die
asiatischen Märkte begünstigt. Niedrigere Ölpreise haben einen positiven
Einfluss auf die meisten asiatischen Volkswirtschaften.