Kein Zweifel an sinkenden Zinsen

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Beobachter gehen fest davon aus, dass die US-Notenbank in ihrer heute beginnenden Sitzung den Leitzins erneut senken wird. Ob es danach weitere Zinssenkungen geben wird, ist aber angesichts robuster US-Wirtschaftskennzahlen fraglich.

Heute und morgen sind
die Blicke der Finanzwelt einmal mehr nach Washington D.C. gerichtet, wo die
Chefs der US-Notenbank Federal Reserve (Fed) zu einem zweitägigen Treffen
zusammenkommen. Die wichtigste Neuigkeit scheint dabei schon vor Beginn der
Sitzung festzustehen: Niemand bezweifelt, dass die Fed den Leitzins senken wird.
„Ich wette, dass die Märkte Recht haben“, sagt Alan Murray, Chef des
US-Wirtschaftsmagazins Fortune. „Es wäre viel zu teuer, sie zu enttäuschen.“ Hinzu
kommt die schwache Stimmungslage im verarbeitenden US-Gewerbe, Anfang des Monats
in Kraft getretene Strafzölle sowie die Sorge vor einer weiteren Eskalation des
Handelskriegs und in der Folge auch vor einer Rezession. „Wir erwarten daher,
dass die Fed bei ihrem kommenden Treffen den Leitzins nochmals um 25
Basispunkte auf eine Bandbreite von 1,75 Prozent bis zwei Prozent senken wird“,
sagt Volker
Schmidt, Senior Portfolio Manager bei Ethenea. Zudem hat die Europäische
Zentralbank vergangene Woche vorgelegt und damit den Druck auf die Fed erhöht.

Fraglich ist
allerdings, ob es danach zu weiteren Zinssenkungen kommt. Präsident Trump
fordert zwar immer wieder massive Zinssenkungen, am besten bis auf null Prozent,
um die Wirtschaft weiter anzukurbeln. Kritiker bezweifeln allerdings, ob er
Fed-Chef Powell mit seinen Twitter-Forderungen dabei hilft – schließlich soll
die Notenbank eigentlich unabhängig von der Politik agieren. Auf Dauer könnten
sich die obersten Währungshüter genötigt sehen, Trump eben demonstrativ nicht
nachzugeben und zumindest vorerst keine weiteren Zinsschritte in Aussicht zu stellen. „Der anhaltende Druck von Präsident
Trump ist nicht hilfreich“, sagt Esty Dwek,
Anlagestrategin bei der Dynamic Solutions Gruppe von Natixis Investment Managers.

Zinssenkung fundamental nicht gerechtfertigt

Zumal Experten bezweifeln, ob die
jetzt erwartete Zinssenkung nach der letzten Herabstufung im Juli überhaupt
gerechtfertigt ist. „Tatsächlich sehen wir ein Risiko darin, dass die Fed zu
sehr markt- statt datengetrieben wird, den Markterwartungen folgend, anstatt
die Märkte zu führen“, sagt Dwek weiter. Andere Beobachter teilen diese
Einschätzung: „Unter Berücksichtigung fundamentaler Aspekte besteht keine
Veranlassung, die US-Leitzinsen erneut zu senken“, sagt
Carsten Mumm, Chefvolkswirt bei der Privatbank Donner & Reuschel. Dafür laufe die US-Wirtschaft derzeit
schlicht zu gut, allen Sorgen vor Handelskrieg und Rezession zum Trotz: Der
Arbeitsmarkt ist nahezu voll ausgelastet und der für die US-Volkswirtschaft
besonders wichtige Konsum brummt nach wie vor – trotz Rückgang einiger
Stimmungsindikatoren im Unternehmenssektor. Zuletzt sprang sogar die Kernrate
der Inflation in den USA auf 2,4 Prozent an. Eine Steigerung der
Verbraucherpreise nahe zwei Prozent und ein dynamisches Wirtschaftswachstum
sind die Zielvorgaben der Fed. „Diese Kriterien sind beide schon heute erfüllt“,
sagt Mumm. So gesehen könnte die Fed schon jetzt auf Zinssenkungen verzichten –
zumindest aber auf weitere Schritte in den kommenden Monaten.