Rückkehr des Zinses

Der deutsche Aktienindex spurtete im Januar auf ein neues Allzeithoch von 13.599 Punkten und bescherte Aktionären binnen drei Wochen einen Kurgewinn von fünf Prozent. Die 14.000 Punktemarke fest im Blick kommt schlagartig die Ernüchterung und seit Anfang Februar geht es stetig und weltweit abwärts.

Auf der Suche nach Gründen trifft man unweigerlich auf einen alten Bekannten, der schon fast in Vergessenheit geraten ist: Der Zins. EZB-Chef <!–#BNL#topicId#76–>Mario Draghi<!–#ENL–> hatte in der ersten Pressekonferenz dieses Jahres zwar nichts Neues kommuniziert: „Das Inflationsziel von zwei Prozent ist nicht erreicht. Daher wird das Anleihekaufprogramm in Höhe von nun 30 Milliarden Euro monatlich zunächst bis September dieses Jahres fortgesetzt und anschließend Zinseinnahmen und Fälligkeiten weiterhin investiert, also erfolgt ein marktschonendes Reinvestment.“

Doch den Kapitalmärkten scheint dies egal zu sein. Die Rendite einer zehnjährigen Bundesanleihe -im September 2017 noch negativ- stieg auf aktuell plus 0,72 Prozent. Nach Steuern, Kosten und Inflation immer noch keine Traumrendite, aber prozentual gesehen ein immenser Anstieg. Den Marktteilnehmern scheint allmählich klar zu werden, dass die Konjunktur – nicht nur in Europa – läuft und zwar dynamisch und auffallend robust.

In diesem Umfeld finden sich jeden Tag weniger Akteure, die noch weiter sinkende Renditen erwarten und die Bereitschaft in Anleihen mit negativer Rendite zu investieren sinkt dramatisch. Zwangsläufig steigen die Renditen am Markt deutlich an. Wenn aber die Renditen für Anleihen wieder attraktiver werden, dann werden sie, zumindest theoretisch, auch wieder zu einer Alternative für Aktien.

Diese Überlegungen könnten die ersten großen Investoren veranlasst haben ihre Aktienbestände zu reduzieren und in Anleihen umzuschichten. Und dann folgt, wie immer, der Herdentrieb: Hohe und schnelle Abflüsse aus passiv gemanagten Fonds – ETFs- lösen Signale aus, die von computergesteuerten Anlagesystemen erkannt und mit weiteren automatisch ausgelösten Verkaufsaufträgen begleitet werden. Bei den Charttechnikern reißen wichtige Unterstützungsmarken und schon beginnt die Massenflucht aus den Aktienmärkten, obwohl sich an den positiven wirtschaftlichen Rahmendaten rein gar nichts geändert hat.

War dies jetzt die Kehrtwende an den Kapitalmärkten oder handelt es sich nur um eine technische Reaktion, die als abkühlendes Gewitter die Märkte ein vor dem Heißlaufen schützt? Eines dürfte klar sein: Die Zinswende ist da, auch wenn die EZB das nicht wahrhaben möchte.
Für Anleger besteht weiter die Gefahr mit sicheren deutschen Bundesanleihen erhebliche Verluste einzufahren. Wenn das Marktzinsniveau weiter steigt, verlieren bestehende Anleihen im Kurs, da sich deren Renditen dem Marktniveau anpassen. Wer kann, sollte vorerst auf sowieso extrem niedrig verzinste deutsche Staatsanleihen verzichten.

Auch wenn kurzfristig nicht mit Tagesgeldzinsen von zwei Prozent oder mehr zu rechnen ist, für Baufinanzierungskunden kann es sich lohnen, bereits jetzt schon mal ein Angebot für anstehende Prolongationen bei seiner Bank anzufordern. In fünf Jahren freut man sich sicherlich über eine Eins vor dem Komma für eine Kondition mit zehn Jahren Laufzeit.

Langfristig orientierte Aktieninvestoren sollten sich von dem Februargewitter nicht aus der Ruhe bringen lassen. Mit Abebben der Geldschwemme rückt die differenzierte Betrachtung einzelner Investments wieder in den Vordergrund und löst das große Einerlei nach und nach ab. An der positiven Weltkonjunktur hat sich nach wie vor nichts geändert und mit Korrekturen von bis zu 25 Prozent sind viele Titel wieder attraktiv bewertet.

 

Von Ralph Rickassel, PMP Vermögensmanagement in Düsseldorf, eine Niederlassung der Donner & Reuschel Lux S.A.

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