MMT: Eine Theorie zum Gelddrucken

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Die Modern Money Theory macht Schlagzeilen. Sie stammt von Volkswirten, wird aber vor allem an den Kapitalmärkten und in der Politik heftig diskutiert. Bei einigen ruft sie wütende Kommentare hervor.

Eine neue Theorie macht Schlagzeilen. Sie stammt von
Volkswirten, wird aber vor allem an den Kapitalmärkten und in der
Politik heftig diskutiert. Bei einigen ruft sie wütende Kommentare
hervor. Larry Fink oder Bill Gates bezeichnen sie als „Müll“ und „dummes
Gerede“. Jan Hatzius, der kluge Chefvolkswirt von Goldman Sachs sieht
in ihr dagegen nützliche Gedanken, die bei der Zinsprognose helfen
können. Bei den nächsten Präsidentschaftswahlen in den USA wird die
Theorie eine wichtige Rolle spielen. Es lohnt sich daher, sich näher
damit zu befassen.

Gemeint ist die Modern Monetary Theory (MMT). Sie
stellt eine Reihe von den Erkenntnissen, die heute Allgemeingut sind,
auf den Kopf. Im Mittelpunkt ihrer Überlegungen stehen die öffentlichen
Defizite. In der traditionellen Theorie gelten Defizite mehrheitlich als
schlecht, weil sie das Vertrauen an den Finanzmärkten unterminieren,
die Zinsen erhöhen, private Investitionen verdrängen und weil sie ein
Zeichen dafür sind, dass der Staat mit den Steuergeldern nicht
vernünftig umgehen kann.

Steigende Defizite

US-Bundeshaushalt in USD Mrd.

Steigende Defizite
Steigende Defizite

Quelle: Fred

Ganz anders die Vertreter der Modern Monetary
Theory. Für sie sind öffentliche Defizite Voraussetzung für eine
wachsende Wirtschaft. Der Grund dafür liegt in der Annahme, dass das
Geld heute nichts von außen Vorgegebenes ist (wie in der Goldwährung
oder wie zu Zeiten von Bretton Woods), sondern ein „Geschöpf des
Staates“ (Georg Friedrich Knapp). Geld entsteht allein durch die
Ausgaben der öffentlichen Hand. Sie schaffen Einkommen und statten die
Menschen mit finanziellen Mitteln aus.

Je mehr der Staat ausgibt, umso mehr Einkommen und
umso mehr Geld gibt es. Den Menschen geht es besser. MMT enthält eine
klare Aufforderung an die öffentliche Hand, möglichst viel auszugeben,
um damit die Wohlfahrt der Gesellschaft zu erhöhen. Sie sollte alle
freien Kapazitäten nutzen und allen Arbeitslosen Beschäftigung geben.

»Die Zentralbanken spielen in dem Modell keine Rolle.«

Problematisch wird es erst dann, wenn der Staat mehr
ausgibt, als mit den vorhandenen Ressourcen erstellt werden kann. Dann
entsteht Inflation. Hier kommen die Steuern und Staatsanleihen ins
Spiel. Sie sind nach Ansicht der Vertreter der MMT nicht dazu da, die
Ausgaben zu finanzieren. Sie dienen vielmehr dazu, Geld abzuschöpfen,
wenn die Staatsausgaben über das Produktionspotenzial hinausgehen.
Hauptzweck der Steuern ist also, Preissteigerungen zu verhindern. Im
Übrigen sollen sie natürlich auch die Einkommensverteilung beeinflussen
und Incentives für nachhaltiges Wirtschaften oder andere soziale Zielen
geben.

Wenn am Schluss als Saldo aus Ausgaben und Einnahmen
ein Defizit herauskommt, ist das nach Ansicht der MMT kein
Weltuntergang. Im Gegenteil. Es ist in einer wachsenden Wirtschaft
notwendig, weil sonst nicht genügend Geld da ist, um die Expansion zu
finanzieren. Die Austeritätspolitik, die in Europa so wichtig ist, ist
in den Augen der MMT wachstumsfeindlich und deflationär. Im Übrigen
haben die Vertreter der Theorie vor allem Situationen im Blick, in denen
keine Vollbeschäftigung herrscht. Also Rezessionen, Wirtschaftskrisen
oder wenn es aus demografischen Gründen eine säkulare Stagnation gibt.

Die Zinsen können durch höhere Defizite nicht
steigen. Denn zusammen mit den größeren Fehlbeträgen nimmt die Geldmenge
zu. Das alimentiert den Kapitalmarkt. Die Vertreter der MMT verweisen
als empirisches Beispiel auf die Zeit nach der Großen Finanzkrise
2008/2009, als die öffentlichen Defizite drastisch nach oben gingen, die
Zinsen aber gleichzeitig auf neue Tiefstände sanken. Auch Japan hat
hohe Defizite, eine geringe Preissteigerung und niedrige Zinsen.

Die Zentralbanken spielen in dem Modell keine Rolle.
Sie sind Teil des Staatssektors. Ihre Unabhängigkeit ist kein Thema.
Sie können die Zinsen letztlich beliebig festsetzen. Ein Paradox ist,
dass höhere Zinsen per Saldo expansiv wirken. Denn bei höheren Zinsen
erhöht sich der Schuldendienst des Staates, seine Ausgaben steigen und
es wird mehr Geld geschaffen. Nach der gleichen Logik sind niedrige
Zinsen wachstumsfeindlich.

Politisch spielt die Theorie eine zunehmende Rolle.
In den USA hat sie Anhänger vor allem bei den Demokraten. Diese
begründen damit beispielsweise, dass die von ihnen geforderten
Infrastrukturinvestitionen oder zusätzlichen Ausgaben im
Gesundheitswesen keine negativen Effekte für die Inflation haben. Ihr
früherer Präsidentschaftskandidat Bernie Sanders und die
Kongressabgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez sind wichtige Vertreter der
MMT. Beraterin von Sanders ist Stephanie Kelton, einer der besten Köpfe
der MMT. In Großbritannien liebäugelt die Labour Party mit der neuen
Theorie.

In Europa spielt die MMT bisher keine größere Rolle.
Das hängt nicht zuletzt damit zusammen, dass es in der Währungsunion
keinen Staat gibt, der durch seine Ausgaben die Geldmenge bestimmt. Die
Vertreter der MMT plädieren daher auch für einen europäischen
Finanzminister, der für die Staatsausgaben im Euroraum verantwortlich
ist.

Die Stärke der MMT besteht darin, dass sie wichtige
Erkenntnisse, die heute Allgemeingut sind, in Frage stellt. Sie zwingt,
eingefahrene Positionen zu überdenken. Die Schwäche ist, dass die
Dynamik des Privatsektors als wichtigstem Wachstumstreiber in den
Modellen nicht vorkommt. Es ist immer nur vom Staat die Rede. Die
ohnehin schon hohe Staatsquote wird durch MMT noch weiter steigen. Zudem
gibt es niemanden, der den Staat bremsen kann, wenn er seine Ausgaben
stärker erhöht und damit Inflation schafft.

Für den Anleger

Aus der Modern Monetary Theory ergeben sich direkt
keine Anlageempfehlungen. Schauen Sie sich die Theorie trotzdem an. Dann
wissen Sie, welche Argumente in Zukunft auf Sie zukommen könnten. Nur
glauben dürfen Sie nicht alles, was dort gesagt wird.