Nachhaltigkeit oder Etikettenschwindel?

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Nachhaltige Finanzprodukte werden immer beliebter. Doch nicht alles, was mit dem Label Nachhaltigkeit wirbt, kann das Versprechen auch halten. Wie Berater und Anleger „Greenwashing“ entlarven.

Die Welt der nachhaltigen
Finanzprodukte ist um eine Erfolgsmeldung reicher: Passive Indexfonds, die
vorgeben, sogenannte ESG-Kriterien zu berücksichtigen, haben im Mai ihren
zweitbesten Monat überhaupt verzeichnet. Das verkündete die auf ETFs
spezialisierte Fondsgesellschaft Lyxor am Freitag. Demnach legten Investoren im
Mai mehr als 897 Millionen Euro in ESG-ETFs an. Obwohl die Anlageklasse gerade
einmal zwei Prozent des Gesamtmarkts ausmacht, entfielen seit Januar zwölf
Prozent aller Kapitalströme am europäischen ETF-Markt auf nachhaltige Produkte.
„Wir sind überzeugt, dass ESG-ETFs von einem größeren Bewusstsein für
Umweltprobleme, mit denen wir konfrontiert sind, weiter profitieren werden“,
sagt Marlène Hassine Konqui, Head of ETF Research bei Lyxor.

Das Akronym ESG steht für
Environmental, Social und Governance, auf Deutsch: Umwelt, Soziales und gute
Unternehmensführung. Finanzprodukte mit dem Label ESG haben in den vergangenen
Jahren einen Boom erlebt, und das nicht nur bei passiven Anlageprodukten. Ende
vergangenen Jahres lag das nach sozialen, ethischen und ökologischen Kriterien
angelegte Vermögen in Deutschland insgesamt bei rund 219,1 Milliarden Euro,
zeigt der aktuelle Marktbericht des Forums Nachhaltige Geldanlagen (FNG). Das waren
48 Milliarden Euro mehr als ein Jahr zuvor.

Dabei unterscheiden sich die Anlageprodukte
mitunter sehr, auch wenn alle ein besonders nachhaltiges Portfolio versprechen.
„Es gibt Bereiche, die alle nachhaltigen Investoren vermeiden wollen,
beispielsweise Tabakprodukte, Waffen oder Verstöße gegen Arbeitsrichtlinien und
Menschenrechte“, sagt Masja Zandbergen, Head of ESG Integration beim
Fondsanbieter Robeco. Wenn es über solche Mindeststandards hinausgeht, ist die
Lage unklar bis verworren. Fossile Kraftstoffe etwa tragen zwar zum Klimawandel
bei, werden allerdings von nahezu allen Unternehmen genutzt und auch benötigt. „Eine
Frage lautet, ob sich durch die Investitionen in diese Unternehmen und den
Dialog Veränderungen möglicherweise besser bewirken lassen als durch völlige Meidung“,
sagt ESG-Expertin Zandbergen. Statt beispielsweise Kohlestrom-Produzenten
pauschal zu verteufeln, könnten Anleger auch darauf achten, wie der Manager eines
Nachhaltigkeitsfonds seine Rolle als Investor interpretiert. Handelt er bloß
mit Aktien oder nutzt er aktiv seinen Einfluss als Miteigentümer, um das
Unternehmen in nachhaltigere Bahnen zu lenken?

Auf Worte müssen Taten folgen

Hellhörig sollten Anleger werden,
wenn Fondsmanager behaupten, mit 2000 Unternehmen im Jahr im Dialog zu stehen.
„Aus unserer Sicht kann dies nicht mehr bedeuten, als eine oder zwei Fragen zu
ESG-Aspekten bei einem regulären Treffen zu stellen oder einen Standardbrief zu
versenden“, sagt Zandbergen. Ein guter Indikator dafür, ob Manager sich aktiv
für Nachhaltigkeit einsetzen, ist auch das Abstimmungsverhalten bei
Hauptversammlungen. Untersuchungen hätten gezeigt, dass einige der größeren
passiven Investoren nahezu ausnahmslos im Einklang mit der Empfehlung des
Managements abstimmten – auch wenn es um Umwelt- und soziale Themen geht. „Auf
Worte sollten immer auch Taten folgen“, sagt die ESG-Expertin. Am wichtigsten
ist ihr der Punkt Transparenz: Manager müssten klar machen, was die Strategie
ihres Fonds ist und was nicht. Ob ein Produkt dann nachhaltig heißt,
verantwortungsbewusst oder völlig anders, ist zweitrangig.