Nachhaltigkeitsboom birgt Potenzial für Enttäuschungen

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Die ökologisch und ethisch korrekte Geldanlage ist von der Nische zum Massenmarkt avanciert. Die meisten Nachhaltigkeitsprodukte bieten zwar ein günstiges Rendite-Risiko-Profil. Investoren sollten aber keine zu hohen Erträge erwarten, mahnen Anlageprofis.

Das vergangene Jahr könnte als das
Jahr in die Geschichte eingehen, in dem der Menschheit bewusst geworden ist,
dass ein Umsteuern nötig ist, wenn die Erde für künftige Generationen bewohnbar
bleiben soll. Es ist noch nicht lange her, da galt Nachhaltigkeit als
Schlagwort ökobewegter Einzelner. Mittlerweile kommt um das Thema niemand mehr
herum, sagt Richard Schmidt, Leiter des Bereichs Absolute Return sowie
Fondsmanager bei der Investmentboutique DJE Kapital. „Auch bei Investoren
steigt die Nachfrage nach Investments mit nachhaltiger Ausrichtung. Grünes
Investieren ist ein Megatrend, der in seiner Bedeutung noch weiter zunehmen
wird“, erklärt er.

Besonders reizvoll am nachhaltigen
Investieren ist, dass Anleger damit effektiv gegen den Klimawandel vorgehen
können. „In der richtigen Geldanlage steckt ein enormer grüner Hebel“, sagt
Schmidt. Wer in nachhaltig wirtschaftende Unternehmen statt in Schmutzfinken
investiere, spare damit deutlich mehr CO2 ein als durch ein bisschen Verzicht
im Alltag. „Die Frage danach, ob man über die Feiertage einen echten oder einen
künstlichen Weihnachtsbaum aufgestellt hat, ist aus ökologischer Sicht weniger
bedeutsam als die nachhaltige und profitable Geldanlage“, sagt der DJE-Manager.

Mit der Profitabilität nachhaltiger Investments
ist es allerdings so eine Sache. Insgesamt haben die meisten ökologisch und
ethisch korrekten Anlageprodukte zwar ein günstiges Rendite-Risiko-Profil,
zeigen zahlreiche Studien aus den vergangenen Jahren. Anleger müssen also nicht
auf Rendite verzichten, um mit gutem Gewissen zu investieren. Sie sollten
allerdings auch nicht zu viel erwarten, warnt Fanny Nosetti von Banque de
Luxembourg Investments (BLI).

Schwarz-Weiß-Denken vermeiden

Die Allgegenwärtigkeit nachhaltiger
Geldanlagen könnte dazu führen, dass Anleger die Ertragschancen zu hoch
einschätzen. Damit sich Investoren nicht irgendwann ernüchtert abwenden,
sollten Fondsanbieter den Mund nicht zu voll nehmen, mahnt Nosetti: „Wer
verantwortliches Investieren fördert und gleichzeitig versichert, dabei stets
überdurchschnittliche Erträge zu erzielen, geht eine gewagte Wette ein. Wird
das Versprechen nicht eingelöst, sind die Anleger vermutlich enttäuscht.“ Auch
Berater und Vermittler sind hier gefragt: Sie müssen bei ihren Kunden Erwartungsmanagement
betreiben.

Der Boom der
Nachhaltigkeitsinvestments bietet noch in anderer Hinsicht
Enttäuschungspotenzial, sagt Nosetti: Nicht alle Anlageprodukte sind so grün,
wie Anleger denken. „Vor allem sollte man sich vor Greenwashing hüten, weil es
die Glaubwürdigkeit aller Beteiligten beschädigen kann“, sagt sie. Andererseits
sollten Investoren kompromissbereit bleiben – und Berater geduldig, wenn Kunden
die Portfolios von Nachhaltigkeitsfonds kritisch hinterfragen. „Man muss sich
die Zeit nehmen, um zu erklären, dass nachhaltige Finanzwirtschaft nicht
bedeutet, nur mit rundum perfekten Unternehmen zu arbeiten“, sagt die
BLI-Expertin. „Nichts ist ausschließlich schwarz oder weiß.“