Neue Themen braucht das Land

Schlagworte: ,

AM:
Herr Lemey, was verbirgt sich hinter dem Term „Newgems“?

Quirien Lemey:
Newgems ist ein Akronym, das sich aus den Anfangsbuchstaben von sieben
Investmentthemen zusammensetzt, die nach unserer Einschätzung entweder bereits
wichtig sind oder in naher Zukunft wichtig werden: Nanotechnologie, Ecology*,
Wellness, Generation Z, E-Society, Manufacturing 4.0** und Sicherheit.

AM:
Wie kommen Sie zu dieser Auswahl. E-Commerce läuft z.B. immer stärker. Müsste
das Thema Logistik demnach in Zukunft nicht eine Rolle spielen? Paypal wäre ein
weiteres Beispiel. Warum sind Finanztitel nicht in Ihrer Liste zu finden?

Quirien Lemey:
Wir investieren nicht in klassische, althergebrachte Logistik- oder Banktitel.
Was wir mit unserer Themen-Auswahl dagegen sehr wohl abdecken sind Unternehmen,
die diese Bereiche neu spielen. Beispielsweise haben wir Firmen, die 3D- und
4D-Drucker herstellen, im Portfolio.
Sie werden die Logistik revolutionieren und gehören bei uns zum Thema
„Manufacturing 4.0“. Auch in Fintechs sind wir investiert, die aufgrund ihres
Geschäftsmodells sehr viel kosteneffizienter als normale Banken arbeiten.

AM:
Zu Ihrer Auswahl gehören aber auch etablierte Kräfte wie der Robotik-Marktführer
Fanuc, der Sony-Konzern oder der Zahlungsdienstleister Paypal…

Quirien Lemey:
…weil wir in ihnen großes Potential sehen. Als wir den Newgems-Fonds
entwickelten, haben wir uns gefragt, wie die Welt der Zukunft aussehen wird,
welche Unternehmen und Branchen wichtig werden. Und wie wir an dieser
Entwicklung Anteil nehmen können. Wenn wir überzeugt sind, dass ein Unternehmen
innovatives oder disruptives Potential hat, investieren wir auch in bekannte
Branchengrößen.

AM:
Disruption und Innovation sind quantitativ schwer fassbar. Nach welchen
Kriterien gehen Sie vor?

Quirien Lemey:
Es gibt natürlich keine Key Performance Indikatoren, mit denen dieses
Unternehmens-Potential beschrieben werden könnte. Die zukünftigen Gewinner zu
finden, ist eine Herausforderung. Dafür sind wir da. Wir sind ein Team von
Experten, das über langjährige Erfahrung in den spezifischen Branchen verfügt,
die wir mit den Themen abdecken. Wir schauen sehr genau auf die Unternehmen und
wissen, wer technologisch gerade ganz vorne in der Branche dabei ist.

AM: Können
Sie einen Titel aus Ihrem Portfolio nennen, um Ihre Strategie zu
veranschaulichen?

Quirien Lemey: Ich
gebe Ihnen ein Beispiel aus dem Bereich Nanotechnologie. Nanotechnologie zielt
darauf ab, technische Geräte mit höherer Präzision oder in kleinerer Größe
herzustellen. Computerchips werden bspw. dadurch immer schneller, dass es
gelingt, mehr Transistoren auf ihnen zu platzieren. Das erreichen Sie, indem
eine Platine mit gebündeltem Licht beschossen wird. Je kleiner der Lichtstrahl
gebündelt werden kann, desto kleiner und leistungsstärker werden die Chips. Das
klingt sehr simpel, ist aber sehr schwer umzusetzen. Raketen-Wissenschaft ist
nichts im Vergleich dazu. Wir investieren in einen Laser-Produzenten, der die
Technologie für diesen Prozess bereitstellt. Es ist das einzige europäische
Unternehmen, das diese Technologie weiter entwickeln kann.

AM:
Wie passt der Riese Sony in dieses Raster?

Quirien Lemey:
In Sony sind wir aus verschiedenen Gründen investiert. Zum einen, weil die
Musikindustrie vor einer Renaissance steht. Im letzten Jahr stiegen die Erlöse
erstmals wieder an. Zum zweiten, weil Sony ein starker Player im Gaming Bereich
ist und Gaming eine der besten Branchen der letzten drei Jahre gewesen ist.
Beide Zweige profitieren von einer revolutionären Entwicklung in der
Waren-Distribution – dem Download. Sie müssen keine physischen Träger mehr
herstellen, verschicken und verkaufen, sondern stellen die Produkte einfach auf
den Server. Daraus resultiert eine 30% höhere Gewinnspanne. Das gab es noch in
keiner Industrie. Sony verzeichnet im Gaming sogar 50%, weil sie ihre eigene
Konsole herausbringen. Ein dritter Punkt ist der Bereich E-Sports – ebenfalls
eine Wachstumsbranchen mit zweistelligen Zuwachsraten – wo Sony stark
involviert ist. Zudem liegt Sonys Marktanteil in der Kameraherstellung bei gut
80%.

AM:
Sie gehen bei der Titelauswahl also systematisch Top-Down vor, analysieren
zunächst gesellschaftliche Entwicklungen und sehen anschließend, wer diese
Trends geschäftlich vorantreiben wird.

Quirien Lemey:
Das ist richtig. Vor diesem Schritt steht allerdings ein quantitatives
Screening, denn unser Fonds legt global an, und deckt ein Universum von gut
30.000 Titeln ab. Wir wählen anhand der Marktkapitalisierung, des Free Cash
Flow und den Scores unseres Nachhaltigkeitsscreenings aus. In unser Portfolio
schaffen es auf diese Weise etwa 70-80 Titel.

AM:
Über den integrierten Nachhaltigkeitsansatz von DeGroof Petercam habe ich vor
Kurzem bereits ausführlich mit Ihrer Kollegin Ophélie Mortier gesprochen, und
möchte an dieser Stelle daher weiter den Fonds thematisieren. Ein Portfolio aus
70 Titeln ist recht konzentriert. Warum haben Sie dennoch eine weit gefächerte
Themenaufstellung gewählt statt sich auf ein oder zwei Themen zu konzentrieren?

Quirien Lemey:
Wir wollten den Fonds auf eine möglichst breite Basis stellen. Der
multi-thematische Ansatz ermöglicht eine sehr gute Diversifikation. Wie
erwähnt, decken wir mit den Themen ein vielfältiges Branchenspektrum ab. Eben
darum haben wir nicht 50 Titel im Portfolio, sondern 70 bis 80, um das Exposure
über die verschiedenen Sektoren zu verteilen und die Marktprämien optimal
abschöpfen zu können.

AM:
Wie oft überprüfen Sie Ihre Positionen?

Quirien Lemey:
Wir sind keine Trader, sondern Langzeitinvestoren. Durchschnittlich halten wir
die Titel drei bis fünf Jahre. Mit den Unternehmen sprechen wir mindestens einmal
im Jahr. Mit etwa einem Drittel tauschen wir uns mehrmals aus. Alle Mitglieder
unseres Teams haben früher als Analyst gearbeitet, wir kennen die Unternehmen
zum Teil seit Jahren. Zusätzlich ziehen wir externe Kapazitäten hinzu.

AM:
Wie hat der Fonds zuletzt performt?

Quirien Lemey:
Über die letzten fünf Jahre lag der Ertrag bei knapp 12,5% jährlich. Year to
date stehen wir sogar leicht darüber.

AM:
Herr Lemey, vielen Dank für Ihre Zeit.

 


*(Umwelt, Anm. d.
Red.)

**(Industrie 4.0,
Anm. d. Red.)