Olivier de Berranger: „Die Kunst des Sfumato an der Börse“

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Wie bei der Maltechnik Sfumato, bei der Gegenstände unscharf und verschwommen dargestellt werden, zeigten sich die Wirtschaftsdaten dieser Woche: Unentwirrbar vermischte günstige und ungünstige Entwicklungen, schreibt Olivier de Berranger, Chief Investment Officer bei LFDE.

Der 2. Mai 2019 war der 500. Todestag von Leonardo da Vinci, dem Meister des Sfumato, einer Maltechnik, bei der Gegenstände unscharf und verschwommen dargestellt werden. Die Wirtschaftsdaten dieser Woche würdigten ihn auf ihre eigene Art und zeichneten ein wirtschaftliches Umfeld mit unentwirrbar vermischten günstigen und ungünstigen Entwicklungen. So zeigte der am Mittwoch veröffentlichte Index für das verarbeitende Gewerbe in den USA einen Industriesektor, der sich von zuvor 55,3 (und Ende Januar 56,6) auf 52,8 verlangsamte und durch einige sehr schwache Komponenten ausgebremst wurde  (gezahlte Preise 50,0; Auftragseingänge 51,3; Importe 49,8).

Umgekehrt schnitt das Verbrauchervertrauen sehr solide ab (129,2 gegenüber erwarteten 126,8). Gleiches gilt für die Arbeitsmarktzahlen: 263.000 neu geschaffene Stellen (ohne Landwirtschaft) im Vergleich zu den erwarteten 190.000, eine Arbeitslosenquote von nun 3,6Prozent(erwartet 3,8%) bei einer nach wie vor moderaten Lohninflation von 3,2 Prozent: eine ideale Situation für die Anleger. In Europa war das gleiche Sfumato zu beobachten: Das BIP-Wachstum zeigte sich in Frankreich und der Eurozone etwas stärker als erwartet  (+1,1% beziehungsweise +1,2%).

Die abschließende Beurteilung der Einkaufsmanagerindizes für das verarbeitende Gewerbe in Europa wies in Frankreich und Italien eine Erholung zum Vormonatauf, die allerdings sehr schwach war. Dagegen rutscht die deutsche Industrie immer weiter in den rezessiven Bereich ab (44,4 gegenüber zuvor 44,5). Dieses Mal war Südeuropa die europäische Stütze und nicht Deutschland. Die Sitzung der Federal Reserve, die am Mittwoch, 1. Mai, endete, war ebenfalls nicht eindeutig: Die US-Notenbank bestätigt zwar die schwache Inflation in den USA, die bei ihrem am wenigsten volatilen Bestandteil deutlich unter 2 Prozent liegt, macht dies jedoch an „vorübergehenden“ Faktoren fest. Der Markt war enttäuscht, dass die  Zentralbank daher vorerst keine neuen geldpolitischen Anreize ins Auge fasst. Die nächste, für Juni anberaumte Sitzung dürfte Aufschluss über das Fortbestehen dieser Faktoren geben.

Glücklicherweise ergeben die Unternehmensergebnisse ein Bild, das sich etwas leichter beziffern lässt. Insgesamt übertreffen sie wie gewöhnlich die Erwartungen der Analysten, denn diese hatten sie in den letzten drei Monaten deutlich nach unten revidiert. Ein typisches Beispiel: Apple, das im Wechselspiel mit Microsoft teuerste Unternehmen der Welt, erlebte einen deutlichen Anstieg seines Aktienkurses, denn trotz des schwächelnden Umsatzes bei seinem Leitprodukt iPhone wuchs das Serviceangebot so stark wie nie. In Europa sorgten einige vernachlässigte Werte, wie etwa französische Banken, eher für Beruhigung. BNP überraschte dank der Erlöse im Investment-Banking positiv, und Societé Générale war zwar im Privatkundengeschäft schwächer,   stärkte jedoch das Eigenkapital.

Weitere Beispiele sind die französischen Fernsehsender TF1 und M6, die sich gegen alternative Sendekanäle mit Werbung gut behaupteten. Alles in  allem befindet sich das verarbeitende Gewerbe weltweit in einer heiklen Lage, doch der Dienstleistungssektor schlägt sich  gut. Solange dieser Sektor  standhält, dürfte die Börse auf dem richtigen Kurs bleiben. Vorsicht ist allerdings aufgrundder Ansteckungsgefahr untereinander geboten.