Stehen Europa-Aktien vor einem Comeback?

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Die Furcht vor einer Rezession in Europa treibt viele Investoren aus Europa-Aktien. Zu Unrecht, sind Finanzprofis überzeugt. Welche Gründe für ein Investment sprechen.

Europa befindet sich im
Ausnahmezustand: Der Handelsstreit mit den USA, die Nullzinspolitik der
Europäischen Zentralbank (EZB) und die Rezession in Deutschland machen den
Finanzmärkten zu schaffen. Die Einkaufsmanagerindizes für die Euro-Zone fielen zuletzt
schlechter aus als erwartet, die Geschäfte laufen so mies wie seit der
Finanzkrise nicht mehr. Viele Investoren sehen darin den Beginn einer
europaweiten Rezession.

Bei vielen ausländischen Investoren
sind Euro-Aktien zudem auch aus taktischer Sicht unbeliebt, erklärt Koen
Bosquet, Anlageprofi bei der belgischen Fondsgesellschaft Degroof Petercam. Europa
steht für viele Investoren mittlerweile sinnbildlich für die sogenannte
Value-Falle: Niedrige Bewertungen lassen Unternehmen vordergründig attraktiv
erscheinen. Nach dem Kauf erweisen sich diese aber oft als Enttäuschung, weil
Regulierung, maue Investitionen und politische Instabilität das Gewinnwachstum
hemmen.

Und dennoch blicken Marktbeobachter
positiv in die Zukunft. Kurzfristig könnten Euro-Titel eine Renaissance erleben,
ist Degroof-Petercam-Experte Bosquet überzeugt – jedenfalls, wenn bestimmte Voraussetzungen
erfüllt sind. „Dazu bräuchte es vor allem einen auf der Zielgerade doch noch
geregelten Ausstieg Großbritanniens aus der EU“, sagt er. Alles, was auch nur
den Schein einer gütigen Einigung erwecke, dürfte Europa-Aktien Rückenwind
geben. Ähnliches gelte für den Handelsstreit zwischen den USA und China.
„Selbst wenn ein gemeinsames Abkommen nur in Teilen zustande käme, würde es wahrscheinlich
den verarbeitenden Teil der Weltwirtschaft wiederbeleben, der derzeit jede
Erholung behindert.“

Schwächen sind eingepreist

Bosquet rechnet unter diesen Bedingungen
mit einer deutlichen Outperformance von Euro-Titeln. Der Automobilsektor könnte
zu den Profiteuren gehören, ebenso wie Banken, die in den meisten europäischen
Indizes nach wie vor ein Schwergewicht bilden. Zwar hat sich der Bankensektor
noch immer nicht vollständig von den Nachwirkungen der globalen Finanzkrise
erholt, auch die Niedrigzinspolitik der EZB belastet die Branche weiterhin
stark. Doch angesichts der niedrigen Bewertungen und dem Potential, höhere
Dividenden zu zahlen, dürften „einige von ihnen wie ING oder KBC kurzfristig
eine relativ bessere Performance erzielen“, sagt Bosquet.

Eduard Baitinger, Head of Asset
Allocation beim Fondsanbieter Feri, sieht das ähnlich. Die Schwächen des
europäischen Marktes seien inzwischen hinreichend bekannt und in den Kursen eingepreist.
„Sollten die geopolitischen Entspannungssignale anhalten und die negativen
Folgen des – wahrscheinlich geregelt ablaufenden – Brexit in Grenzen bleiben,
könnten die europäischen Märkte vor einem spürbaren Comeback stehen“, ist er
überzeugt. Dies gelte umso mehr, wenn sich die weltweite Konjunktur im kommenden
Jahr wie erwartet erholt. Spätestens dann, sagt Baitinger, müssten europäische
Aktien „in globalen Portfolios wieder stärker gewichtet werden“. Mutige
Investoren können bereits heute einsteigen, um die Kursgewinne mitzunehmen.