Türkei vor Leitzinssenkung?

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Ende des Monats steht in der Türkei die nächste Zinsentscheidung an. Dann wird sich auch zeigen, wie es mit der Wirtschaft des Landes weitergeht.

Seit langem drängt Präsident Recep Tayyip Erdogan die türkische Zentralbank dazu, die Leitzinsen zu senken, um die Wirtschaft des Landes anzukurbeln. Bald könnte sein Wunsch Wirklichkeit werden. Finanzexperten sind entsetzt. Sie warnen trotz attraktiver Renditen vor Investitionen in der Türkei.

In der Türkei bestimmt ab sofort der
Staatschef über die Geldpolitik: Bis Ende des Jahres solle die Inflation des
Landes von über 15 Prozent auf einen einstelligen Wert sinken, sagte Präsident
Recep Tay­yip Erdogan dem türkischen Sender Habertürk. Er weiß auch schon, wie
er sein Ziel erreicht: Die Zentralbank soll an der Zinsschraube drehen. Sobald
der Leitzins in der Türkei niedriger liege, werde auch die Preisbeschleunigung
deutlich zurückgehen, sagte Erdogan dem Sender.

Es ist nicht das erste Mal, dass der
Präsident von der türkischen Zentralbank niedrigere Zinsen fordert. Erdogan
liegt seit langem im Clinch mit Notenbankchef Murat Cetinkaya, weil dieser sich
bis zuletzt weigerte, die Leitzinsen zu senken. Nun aber könnte die Zentralbank
dem Druck des Präsidenten nachgeben. Denn in der Nacht zum Samstag feuerte
Erdogan den 43-jährigen Währungshüter Cetinkaya. Jetzt steht sein Vize Murat
Uyasal an der Spitze. Von ihm erwartet Erdogan mehr Gehorsam.

Ende des Monats steht in der Türkei
die nächste Zinsentscheidung an. Dann wird sich auch zeigen, wie es mit der
Wirtschaft des Landes weitergeht. Erdogan ist der Ansicht, dass Zinssenkungen
die galoppierende Inflation wirksam bekämpfen können. Die volkswirtschaftliche
Theorie sagt allerdings genau das Gegenteil: Niedrigere Zinsen wirken normalerweise
wie Brandbeschleuniger auf die Inflation, denn mit ihnen steigt die Geldmenge
im Wirtschaftskreislauf noch weiter an.

Marktbeobachter sehen die Entlassung
Cetinkayas und den gewachsenen Einfluss Erdogans auf die Geldpolitik des Landes
äußerst kritisch. Sébastian Galy, Anlagestratege bei Nordea Asset Management,
geht davon aus, dass die türkische Regierung nach dem Rausschmiss einen
aggressiveren Lockerungszyklus einleiten will, als der Markt derzeit einpreist:
„Die Zentralbank wird vermutlich ein stetiges Tempo der Lockerung verfol­gen,
was zu einer weiteren Schwächung der Lira und damit zu einer importierten
Inflation führen wird“, sagt der Anlageprofi. Als Reaktion auf die Nachricht
ist die Landeswährung bereits um 2,8 Prozent gefallen. 

Vorsicht vor türkischen Staatspapieren

Investoren rät Galy zu äußerster Vorsicht:
Eine schwache türkische Lira in Kombination mit nur geringem Wirtschaftswachstum
berge vor allem auf der Kreditseite Gefahren. Türkische Unternehmen haben
beachtliche Schulden in Euro und US-Dollar angesammelt, in der Hoffnung, dass
die Lira an Wert gewinnen wird – sie zahlen nun umgerechnet in die
Heimatwährung immer höhere Zinsen. Auch die Devisenreserven der Zentralbank
seien gering, würden gerade einmal 20 Prozent der privaten Einlagen bei
Geschäftsbanken umfassen. „Die Notenbank kann sich somit keine großen
Interventionen am Devisenmarkt leisten“, sagt Galy. Das verunsichert Haushalte
und Unternehmen. Und das wiederum belastet die Wirtschaft des Landes. Kurzum: Von
einem Investment in die Türkei rät Galy derzeit entschieden ab.

Yasemin Ravai, Anlagestrategin beim
luxemburgischen Fondsanbieter Eurizon Capital, ist ähnlich besorgt. Zwar seien
die Renditen türkischer Anleihen nach wie vor attraktiv, für zehnjährige
Staatspapiere mit einer Laufzeit von einem Jahr erhalten Investoren derzeit beispielsweise
rund 18 Prozent Rendite. Sich darauf einzulassen, das sei aber nur vertretbar, solange
sich die türkische Währung nicht bewege. Weil der Markt zuletzt fast völlig
zusammengebrochen sei, sollten Anleger von den Papieren jetzt die Finger
lassen. „Auch wir haben uns dort lediglich am kurzen Ende positioniert“, sagt
Ravai.