Verbraucherschutz oder Gängelung?

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Anfang 2018 trat in Deutschland die EU-Finanzmarktrichtlinie Mifid II in Kraft. Während die betroffene Industrie immer wieder beklagt, das Gesetz würde Kunden entmündigen und sei ein bürokratischer Alptraum, zeichnet eine aktuelle Untersuchung der zuständigen Aufsichtsbehörde Bafin jetzt ein völlig anderes Bild. Kurz gesagt: Die Branche flucht, die Kunden applaudieren.

Seit eineinhalb Jahren gelten in
Deutschland neue Regeln für den Verkauf von Aktien, Fonds und bestimmten
Versicherungen. Die sogenannte Mifid-II-Richtlinie verpflichtet
Finanzdienstleister dazu, alle Telefongespräche aufzuzeichnen, die einen Bezug
zu einem Wertpapierauftrag haben. Zudem müssen Anbieter von Anlageprodukten
deutlich mehr Informationen zur Verfügung stellen als früher. Aus der
Finanzwelt hagelt es seit Einführung der neuen Regeln Kritik: Die EU-Richtlinie
sei „ein Ärgernis für die Kunden, ein Alptraum für Kreditinstitute und Berater
und erweist dem Anlegerschutz und der Wertpapierkultur in Deutschland einen
Bärendienst“, schimpfte beispielsweise Andreas Krautscheid,
Hauptgeschäftsführer des Bankenverbandes (BdB), gleich nach Inkrafttreten des
EU-weiten Regelwerks.

Die Bundesanstalt für
Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) hat nun in einer groß angelegten
Verbraucherumfrage ermittelt, was die Privatanleger von den Regeln halten und
wie diese darauf reagiert haben. Das Ergebnis unterscheidet sich zum Teil
deutlich von den Aussagen der Bankenlobby: So halten zum Beispiel 71 Prozent
der Befragten eine Aufzeichnung von Beratungsgesprächen am Telefon, die seit
Mifid-II gefordert ist, für sinnvoll. Nur 24 Prozent sehen darin keinen Sinn.
Jeder Zweite wünscht sich zwar, der Aufzeichnung bei Bedarf widersprechen zu
dürfen. Derzeit ist das so nicht möglich. Umgekehrt hat aber nur eine
Minderheit der Befragten das Gefühl, Informationen verschweigen zu müssen, weil
die Bank das Gespräch nun aufzeichnet. 83 Prozent gaben an, genauso offen mit
ihrem Berater zu sprechen wie in der Zeit ohne Mitschnitt.

Auch die sogenannte Geeignetheitsprüfung
kommt bei Anlegern mehrheitlich gut an. Sie löst das klassische
Beratungsprotokoll ab und soll sicherstellen, dass ein empfohlenes
Finanzprodukt den Bedürfnissen des Kunden entspricht. Drei Viertel aller
Befragten halten eine solche Prüfung für sinnvoll, zeigt die Umfrage.
Allerdings lesen sich nur 60 Prozent der Umfrageteilnehmer die
Geeignetheitserklärung auch durch. Ähnliches gilt für den sogenannten
Ex-ante-Kostenausweis. Er soll Anleger über alle Kosten und Gebühren einer
Wertpapieranlage informieren. In der Umfrage gaben nur 42 Prozent der Befragten
zu Protokoll, das Dokument gelesen zu haben. Als Grund gaben die Nichtleser an,
die Informationen seien zu umfangreich oder nicht von Interesse.

Banken kritisieren das Ergebnis

Zu ähnlichen Ergebnissen kommt auch
eine Studie der Ruhr-Universität Bochum im Auftrag des Banken-Dachverbands
Deutsche Kreditwirtschaft (DK). Demnach hat nicht einmal die Hälfte der Kunden,
die seit der Einführung von Mifid-II Wertpapiergeschäfte getätigt haben, die
Kosteninformation durchgelesen.

Das Befragungsergebnis, das die
Aufzeichnung von Telefongesprächen bei den Befragten überwiegend gut ankäme,
teilt die DK hingegen nicht. „Viele Kunden haben sich aus dem Telefongeschäft
bereits zurückgezogen“, heißt es in einer Pressemitteilung des Verbands. „So
ist bei deutschen Banken und Sparkassen die Anzahl telefonisch erteilter Orders
um die Hälfte eingebrochen, und drei Viertel aller Kunden möchte am liebsten
auf die Telefonaufzeichnung verzichten.“ Dass die BaFin-Studie zu anderen
Zahlen kommt, lässt sich aus Sicht der DK damit erklären, dass die
Studienautoren nur Kunden gefragt haben, die auch nach Mifid-II noch
telefonische Kaufaufträge erteilen.