Warten auf die Fed

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Die Märkte haben hohe Erwartungen an die US-Notenbank Fed, bis zu drei Zinssenkungen halten sie in diesem Jahr für möglich. Auf ihrer aktuellen Zinssitzung könnten die obersten Währungshüter diese Hoffnungen allerdings erst einmal enttäuschen – mit möglicherweise heftigen Folgen für die Kapitalmärkte.

Auf der heutigen Zinssitzung dürfte
Fed-Chef Jerome Powell seine Worte noch sorgfältiger wählen als gewöhnlich.
Denn jede auch noch so kleine Äußerung birgt das Potential, die Kapitalmärkte
in Aufruhr zu versetzen. Zwar rechnet die Mehrheit der Marktbeobachter nicht
damit, dass die US-amerikanische Notenbank tatsächlich den Leitzins senkt, sie
warten aber sehr wohl auf ein Signal, dass ein derartiger Schritt in den nächsten
Monaten kommt. „Nach den sehr moderaten Äußerungen von einigen Fed-Mitgliedern
und insbesondere des Vorsitzenden Jerome Powell wird auf Maßnahmen der
Notenbank gelauert“, sagt Olivier de Berranger, Chefanlagestratege beim
französischen Fondsanbieter La Financière de L’Echiquier. Investoren rechnen
damit, dass der Offenmarktausschuss (FOMC) die Äußerungen von Powell bestätigen
wird. Damit wäre der Weg für eine Senkung der Leitzinsen im Juli frei.

Auch wenn er ein solches Szenario für
wahrscheinlich hält: de Berranger warnt vor übertriebenen Optimismus. „Anleger
müssen weiterhin misstrauisch sein“, sagt der Anlagestratege. Gegen sinkende
Zinsen spricht: Die Wirtschaft in den USA hat sich zuletzt wieder stabilisiert.
Auch im Handelsstreit mit China sendete US-Präsident Donald Trump jüngst positive
Signale: In der kommenden Woche will er sich auf dem G20-Gipfel mit Chinas
Staatsoberhaupt Xi Jinping über die Handelsfrage austauschen. „Das wird, denke
ich, wahrscheinlich ein sehr ergiebiges Treffen“, sagte Trump im Vorfeld des
Treffens. „Wir handeln mit ihnen. Wir haben eine sehr gute Beziehung“. Sollte
das Treffen friedlich verlaufen, dürfte das die US-Wirtschaft weiter beflügeln
– und die Fed möglicherweise von Zinsmaßnahmen im Sommer abbringen. Powell
könnte dieses Szenario schon jetzt bei seiner Rede berücksichtigen und damit
die Hoffnungen der Anleger auf baldige Zinsschritte dämpfen.

Enttäuschung für Anleger

Die Mehrheit der Marktbeobachter rechnet
für die kommenden zwölf Monate mit drei Zinssenkungen um jeweils 25 Basispunkte.
Auch Franck Dixmier, Leiter des Anleihegeschäfts bei Allianz Global Investors,
ist zuversichtlich, dass die Fed die Zinsen als nächstes senken wird.
„Präsident Trump will die Wirtschaftsleistung um jeden Preis aufrechterhalten“,
sagt der Anlagestratege. Der politische Druck auf die Notenbank sei hoch,
Fed-Chef Powell werde daher „entsprechend austarieren müssen“.

Auf der aktuellen Zinssitzung dürfte
die Zentralbank die Zinssenkung jedoch eher nicht bekannt geben. „Powell muss
geldpolitische Fehler vermeiden: Auch wenn es unwahrscheinlich ist, kann ein
förderliches Handelsabkommen zwischen den Vereinigten Staa­ten und China nicht
ausgeschlossen werden“, sagt Dix­mier. Der Notenbankchef dürfte sich daher
weniger „dovish“, also geldpolitisch weich äußern, prognostiziert der
Investmentexperte. Aktien- und Rentenanleger dürfte das zunächst enttäuschen.
Langfristig aber sieht der Anlageprofi in der Politik der Notenbanken Chancen.
„Wir glauben, dass jede Korrektur der US-Zinsen eine Gelegenheit bietet, die Duration
in US-Anleihen zu erhöhen“, sagt Dixmier.