Warum Negativzinsen kein Allheilmittel sind

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Lange galten sinkende Zinsen als Universallösung, um schwächelnde Volkswirtschaften wieder aufzupäppeln. Die Nebenwirkungen nahmen die Zentralbanken in Kauf. Nun warnt eine Studie: Eines der wichtigsten Instrumente der Währungshüter könnte mehr schaden als nutzen.

Sie waren ein willkommenes Mittel, um
den Euro zu retten und Europas Krisenstaaten zu stabilisieren: sinkende Zinsen.
Doch je klarer sich abzeichnet, dass die expansive Geldpolitik der Eurozone
auch nach Mario Draghis Abschied als Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) erhalten bleibt und die Währungshüter sogar über Minuszinsen nachdenken,
desto lauter wird der Unmut. Nun reiht sich mit der US-amerikanischen
Fondsgesellschaft Pimco ein weiteres Schwergewicht in die Riege der Kritiker
ein. In einem am Dienstag veröffentlichten Bericht warnen Pimco-Experten
eindrücklich vor der Einführung von Negativzinsen. Ein Zins unter null würde dem
wirtschaftlich angeschlagenen Europa mehr schaden als nutzen, heißt es in der Analyse.

Laut Pimco schaden Minuszinsen der
Wirtschaft auf drei Arten: Erstens beeinträchtigen sie die Rentabilität der
Banken. Deren Rendite aufs Eigenkapital sinkt, während die Geldhäuser zugleich
aufgrund des hohen Wettbewerbsdrucks für ihre Einlagen in der Regel einen Zins
über null zahlen müssen. Dadurch könnten sie weniger Kredite an Unternehmen und
Haushalte vergeben. Zweitens belasten Negativzinsen Pensionsfonds und
Versicherer. Deren Geschäft basiert auf Mindestrenditen und garantierten
Auszahlungen. Negativzinsen lassen die Renditen sicherer Anleihen
dahinschmelzen und stellen die Branche so vor erhebliche Herausforderungen. Drittens
schaffen Negativzinsen laut Pimco eine „Geldillusion“, in der sich Sparer ärmer
fühlen und daher ihren Konsum verringern.

Keine Besserung in Sicht

Eigentlich sollen fallende Zinsen
Anreize schaffen, weniger zu sparen und mehr Geld auszugeben, um so die
Wirtschaft anzukurbeln. Zinssenkungen unter null wird in der Wirtschaftstheorie
ein ähnlich expansiver Effekt nachgesagt. Die Pimco-Analysten halten es dagegen
für wahrscheinlich, dass Negativzinsen Verbraucher sogar zum Sparen animieren.
Darauf lassen die Erfahrungen aus anderen Ländern schließen. In Schweden und
Dänemark sei die Sparquote der Haushalte nach Einführung der Minuszinsen
gestiegen, heißt es in dem Bericht. Für die Eurozone sprechen die Autoren eine
deutliche Warnung aus: Die Ertragsschwäche der Banken in Kombination mit
niedrigen Aktienkursen könne gerade angesichts der schwächelnden europäischen
Wirtschaft die Finanzstabilität gefährden.

Warnungen wie diese finden immer häufiger
Gehör – auch unter Zentralbankern. In Australien haben die Währungshüter 0,25
Prozent als Untergrenze für die Leitzinsen definiert – ab diesem Wert halten
sie andere Instrumente für wirksamer als Zinssenkungen. Auch die schwedische
Riksbank hält Zinsen unter null für schädlich. „Unter Notenbankern schwingt das
Pendeln weg von negativen Leitzinsen“, sagt Seema Shah, Chefanlagestrategin bei
Principal Global Investors. Für Sparer sei das aber nur ein schwacher Trost.
„Einen deutlichen Anstieg der Anleiherenditen wird es nur geben, wenn die
Märkte beginnen, eine geldpolitische Straffung zu erwarten“, sagt Shah. Davon
sei nichts zu sehen.