Warum Ursula von der Leyen noch lange kämpfen muss

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Der geplante Green Deal der neuen EU-Kommissionspräsidentin soll die EU bis 2050 klimaneutral machen. Doch bei der Umsetzung ist Ursula von der Leyen von der Finanzbranche abhängig. Hier muss erst ein Umdenken stattfinden.

Schon
wenige Tage nach ihrem offiziellen Amtsantritt am ersten Dezember wird klar:
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hat viel vor mit der
Europäischen Union (EU). Einer ihrer wichtigsten Punkte auf der Agenda ist der
Klimaschutz, wie sie schon bei ihrer Wahl im Sommer ankündigte. Nun macht sie
ernst: In einer Pressekonferenz in Brüssel am Mittwoch sprach sie davon, schon
am 11. Dezember einen Fahrplan präsentieren zu wollen, wie ihr sogenannter
„Green Deal“ aussehen soll. Dieser Deal sieht vor, dass die EU bis 2050
klimaneutral wird, also keine Treibhausgasemissionen mehr verursacht. Schon im
kommenden Jahr will von der Leyen ein erstes Klimagesetz verabschieden, um ihrem
Vorhaben Nachdruck zu verleihen. Ein Gesetz und der gute Wille allein reichen
jedoch nicht, um die EU klimafreundlicher zu machen. Am Ende zählt das Geld,
weiß auch die Kommissionspräsidentin: „Investitionen werden eine große Rolle
spielen, um den Green Deal umsetzen zu können“, sagte sie in ihrem Statement.

Rund 180
Milliarden Euro Investitionen jährlich braucht es dafür, schätzt die
EU-Kommission. Das Geld muss zum einen aus den Mitgliedsstaaten kommen. Noch
stemmen sich aber vor allem einige osteuropäische Länder gegen das Vorhaben,
vor allem, weil sie noch stark auf fossile Energieträger setzen. Mit dem
sogenannten „Just Transition Fund“, der zunächst 100 Milliarden Euro als
Investitionen bereitstellen soll, will von der Leyen diesen Staaten Investitionen
in den Klimaschutz ermöglichen. Zum anderen ist die EU-Kommissionspräsidentin
auf grünes Geld aus der Finanzbranche angewiesen. Denn nur wenn das Kapital der
Anleger an die richtigen Stellen fließt, kann der Green Deal gelingen.

„Sustainable
Finance“ ist hierzulande längst in aller Munde. Zwei Drittel der Deutschen legen
bei der Geldanlage Wert auf Nachhaltigkeit. Bei den 18- bis 35-Jährigen
bevorzugen sogar drei Viertel ein grünes Investment. Das geht aus einer
repräsentativen Studie im Auftrag der Zurich Versicherung hervor. Jedoch: Müsste
sich die jüngere Generation zwischen Nachhaltigkeit und Rendite entscheiden,
würde sie letztere wählen. Für nennenswerte Investitionen in grüne Unternehmen ist
deshalb ein Umdenken nötig.

Es braucht eine einheitliche Taxonomie

Auch fehlen
einheitliche Bewertungskriterien für nachhaltige Finanzprodukte. Laut der
Studie mangelt es hier rund einem Drittel der Deutschen an Informationen und
Transparenz. Die drei Kriterien Environment, Social und Governance (ESG) legen Finanzinstitute derzeit noch unterschiedlich aus. Gleichzeitig schießen immer
mehr Unternehmen aus dem Boden, um vom grünen Hype zu profitieren: etwa
ESG-Label-Provider, ESG-Datenprovider und ESG-Projektanbieter. „Gerade im
Label-Land Deutschland kann es dann auch zu einem ‚Dschungel‘ an
unterschiedlichsten Kennzeichnungen kommen“, warnt Andreas Görler, Vermögensverwalter
bei Wellinvest – Pruschke & Kalm. Die Gefahr des Greenwashing ist hoch. Es
braucht also eine
einheitliche Taxonomie für den Nachhaltigkeitsbegriff. Schließlich kann ein
Green Deal nur gelingen, wenn sich alle einig darüber sind, was das kleine
Wörtchen „green“ eigentlich bedeutet.