Was hat Facebook mit „Libra“ vor?

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Ein Kommentar von Stefan Bielmeier, Chefvolkswirt der DZ-Bank.

Glaubt man dem zugehörigen „White Paper“, das
jüngst veröffentlicht wurde und die zugrundeliegenden Ideen, Vorstellungen und
Ziele zusammenfasst, ist eigentlich das Gegenteil der Fall.

Demnach geht es den Initiatoren, zu denen derzeit insgesamt
28 Unternehmen und Organisationen gehören (Banken sind bislang nicht darunter),
vor allem darum, allen Menschen und Unternehmen mithilfe einer stabilen
Weltwährung einen „fairen, kostengünstigen und unmittelbaren Zugang auf
ihr Geld“ und zu Finanzdienstleistungen zu ermöglichen.

Vereinfacht gesagt, soll jeder Mensch auf der Welt mit Libra
so einfach Geld verwalten und versenden können wie eine Kurznachricht oder ein
Foto. Das klingt eher nach Weltfrieden als nach Weltherrschaft. Fraglich ist
jedoch, was beziehungsweise wieviel von diesen Aussagen zu halten ist.

Libra als Gefahr für die Finanzstabilität?

Libra ist als Kryptowährung, basierend auf einer dezentralen
Blockchain, konzipiert. Um eine allzu große Volatilität zu vermeiden, soll der
Wechselkurs an einen Korb traditioneller Währungen sowie stabiler Vermögenswerte,
darunter kurzfristig fällige Staatsanleihen, gekoppelt werden. Außerdem ist
geplant, jeden ausgegebenen Libra-Token durch eine gehaltene Reserve zu decken.
Diese Ausgestaltung als „Stable Coin“ soll Vertrauen bei den Nutzern
schaffen.

In der ersten Jahreshälfte 2020 soll Libra offiziell an den
Start gehen. Mittel- bis langfristig haben sich die Initiatoren um Facebook zum
Ziel gesetzt, eine möglichst hohe Akzeptanz in der breiten Bevölkerung zu
erreichen (im White Paper ist von einer „Skalierbarkeit auf Milliarden
Konten“ die Rede). Der Facebook-Konzern hat mit seinen Anwendungen
weltweit rund 2,7 Milliarden Nutzer. Damit verfügt Libra zumindest über das
theoretische Potenzial, auch global bedeutenden Währungen wie dem US-Dollar
Konkurrenz zu machen. Zentralbanken und Aufsichtsbehörden haben bereits
klargestellt, dass sie ein Wörtchen mitreden wollen.

Hier stehen vor allem zwei Themen im Fokus. Zum einen muss
sichergestellt werden, dass Libra nicht zur Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung
genutzt wird, zum anderen geht es darum, Risiken für die Finanzstabilität zu
vermeiden. Dass Libra durchaus systemische Relevanz für das internationale
Finanzsystem erhalten könnte, hat Bundesbankvorstandsmitglied Wuermeling jüngst
mit einer einfachen Beispielrechnung verdeutlicht. Würden bei Libra nur 100
Millionen der 2,7 Milliarden Facebook-Nutzer mitmachen, hätte die Kryptowährung
schon mehr Kunden als der gesamte deutsche Bankenmarkt.

Fazit

Der Plan, Libra in der ersten Hälfte 2020 an den Start zu
bringen, klingt angesichts des Widerstands, dem sich das zugehörige Konsortium
vonseiten der Aufsichtsbehörden und Zentralbanken ausgesetzt sieht, zwar sehr
ambitioniert. Unter Berücksichtigung der Ziele, die sich Facebook & Co. gesetzt
haben, dürfte es aber auf einige Monate Verzögerung auch nicht unbedingt
ankommen. Sollte das Vorhaben von Erfolg gekrönt sein, würde eine zentrale
Instanz mit immenser Bedeutung für das gesamte Weltfinanzsystem entstehen.
Wesentlich ist hierbei die Frage, ob es dem Konsortium um Facebook gelingt, das
Vertrauen der Bevölkerung und eine breite Akzeptanz der Kryptowährung zu
etablieren – eine Herausforderung, an der schon viele gescheitert sind.

Dass der Konzern in der jüngeren Vergangenheit mit Skandalen
und Sicherheitslücken von sich reden machte, dürfte hierbei sicherlich nicht
gerade hilfreich sein. Von eingefleischten Kryptowährungs-Unterstützern sollte
sich Libra keinen allzu großen Rückhalt erhoffen. Neben der Machtkonzentration
in den Händen einer zentralisierten Instanz dürfte ihnen die
Wechselkursanbindung an traditionelle Vermögenswerte und die Zusammenarbeit mit
der Aufsicht ein Dorn im Auge sein.

Stefan Bielmeier ist Chefvolkswirt der DZ-Bank.