Zwei Brexit-Szenarien und ihr Einfluss auf die Märkte

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Eine dritte Abstimmung über den Austritt aus der EU scheint in London vom Tisch zu sein. Ein Aufschub scheint am wahrscheinlichsten, trotzdem besteht noch immer das Risiko eines ungeregelten Brexits.

Nach
der Ankündigung des Sprechers des britischen Unterhauses, John Bercow,
dass er es Premierministerin Theresa May nicht gestatten wird, ein
drittes Mal über ihr Rücktrittsabkommen ohne wesentliche Änderungen
abstimmen zu lassen, besteht weiterhin Unklarheit über die
Brexit-Verhandlungen. Das britische Parlament hatte das Abkommen zuvor
am 15. Januar mit einer Mehrheit von 432 zu 202 und am 12.
März mit einer Mehrheit von 391 zu 242 Stimmen abgelehnt. Bevor
Unterhaus-Sprecher John Bercow dies verkündete, wollte Premierministerin
May vor dem EU-Gipfel am 21. März dem Parlament das Abkommen zum
dritten Mal vorlegen in der Absicht, einen kurzfristigen
„technischen Aufschub“ zu beantragen, falls das Abkommen zustande kommt.
Es wird erwartet, dass sie nach Alternativen suchen wird, sie aber
keine andere Wahl hat, als einen langfristigen Aufschub zu beantragen,
um einen neuen Deal einzufädeln.
 
Im Vorfeld des EU-Gipfels skizzieren wir zwei Brexit-Szenarien und ihre erwarteten Auswirkungen auf die Finanzmärkte.
 

Szenario 1: Langer Aufschub (75%)

Im
wahrscheinlichsten Szenario gewährt die EU einen längerfristigen
Aufschub von Artikel 50. Premierministerin Theresa May erklärte letzte
Woche,
dass sie einen langfristigen Aufschub beantragen werde, wenn bis zum 20.
März kein Deal zustande gekommen ist. Politischen Kommentatoren zufolge
dürfte ein solcher Aufschub eher Jahre als Monate dauern. Es ist jedoch
ungewiss, ob alle EU-Mitgliedstaaten eine
solche Verlängerung billigen würden, die einer einstimmigen Zustimmung
im Europäischen Rat bedarf.
 
Die
EU-Verhandlungsführer haben deutlich gemacht, dass sie keinen
langfristigen Aufschub oder weitere Zugeständnisse gewähren werden, wenn
Großbritannien
nicht beabsichtigt, seine Position in Bezug auf den Brexit entsprechend
zu überdenken. Ein solcher Aufschub könnte ein Türöffner für alternative
Möglichkeiten sein, wie einen sehr weichen Brexit, eine Parlamentswahl,
möglicherweise gefolgt von einer neuen Regierung
mit einer überarbeiteten Verhandlungsstrategie, oder sogar ein zweites
Referendum mit der Möglichkeit eines Verbleibs in der EU.
 
Dieses
Szenario würde sich positiv auf die Märkte auswirken. Die Renditen des
Pfund Sterling und von britischen Staatsanleihen haben sich in
diesem Jahr bereits deutlich erholt (siehe Grafik), da der Markt einen
kurzfristigen Aufschub einpreist. Im Falle eines längeren Aufschubs
erwarten wir weitere Anstiege. Wir gehen davon aus, dass das britische
Pfund seinen Anstieg von 5% gegenüber dem Euro
seit Jahresbeginn ausbaut und die Rendite von 10-jährigen britischen
Anleihen den diesjährigen Anstieg von 9 Basispunkten gegenüber ihrem
deutschen Pendant fortsetzt, in der Markterwartung, dass die Bank of
England wieder auf einen geldpolitischen Normalisierungskurs
einschwenkt. Natürlich hängt jede Normalisierung von den britischen und
globalen Wirtschaftsbedingungen ab. Wir erwarten dann ebenso einen
Anstieg von britischen Aktien, insbesondere in den inländischen Sektoren
und im Immobilienbereich.
 

Brexit Referendum
Brexit Referendum

Grafik
1: Die Renditen von Pfund Sterling und britischen Staatsanleihen sind
dieses Jahr deutlich gestiegen (Quelle: Thomson Reuters Datastream,
NN Investment Partners)

Szenario 2: Brexit ohne vertragliche Regelung (25%)

Ein
ungeregelter Brexit wird im Allgemeinen als viel unwahrscheinlicher
angesehen als ein Aufschub, hätte aber auch viel negativere
Auswirkungen.
In diesem Szenario kann sich Großbritannien mit der EU nicht auf einen
Aufschub einigen und tritt am 29. März ohne Abkommen aus. Obwohl
unwahrscheinlich, ist dies möglich. Dass die EU einem Aufschub zustimmt,
ist keineswegs garantiert, zudem müsste die Zustimmung
einstimmig erfolgen. Einige Euroskeptiker haben verlautbart, dass sie
sich dafür einsetzen werden, dass irgendein EU-Mitgliedstaat ein Veto
gegen einen Aufschub einlegt, da sie einen harten Brexit erzielen
möchten. Darüber hinaus haben mehrere Mitgliedstaaten
klargestellt, dass jeder Aufschub einen bestimmten Zweck haben sollte.
Wenn Großbritannien seinen derzeitigen Verhandlungsweg fortsetzt, ohne
seinen roten Faden zu ändern, wäre es unwahrscheinlich, dass die EU
einen Aufschub genehmigt. Ein Aufschub müsste wahrscheinlich
auf dem EU-Gipfel am 21. März genehmigt werden, so dass wenig Zeit
bleibt, um die zögerlichen Staaten zu überzeugen, und Großbritannien
müsste am Ende die EU verlassen, weil es der Vertrag so vorschreibt.

Dies hätte sehr negative Auswirkungen auf die Märkte, die in letzter Zeit mit einem kurzfristigen Aufschub rechnen. Wir erwarten insbesondere eine Abwertung des britischen Pfund gegenüber allen wichtigen Währungen. Die Renditen von britischen Staatsanleihen würden wahrscheinlich sinken, da Anleger auf den britischen Märkten nach Sicherheit suchen würden, während die Bank of England weitere Lockerungsmaßnahmen vornehmen würde, um einen kurzfristigen Wachstumsschock abzufedern. Britische Aktien und Immobilien sollten unserer Meinung nach besonders stark betroffen sein. In geringerem Maße wäre dies auch ein negatives Ereignis für Risikoanlagen weltweit, insbesondere jedoch in Europa.

Die EU wird wahrscheinlich einen Aufschub gewähren, aber ein ungeregelter Brexit ist immer noch nicht vom Tisch

Es besteht die allgemeine Auffassung, dass die EU wahrscheinlich einen Aufschub von Artikel 50 gewähren wird, wenn Großbritannien einen solchen Antrag stellt. Deutschland und andere große EU-Mitgliedstaaten haben eine offensichtliche Bereitschaft zur Flexibilität bekundet. Diese Länder könnten Druck auf kleinere Staaten ausüben. Auch EU-Ratspräsident Donald Tusk hat die EU aufgefordert, sich für einen Aufschub offen zu zeigen. Darüber hinaus wäre ein Ausstieg ohne vertragliche Regelung am 29. März in niemandes Interesse. Wir erwarten daher, dass Großbritannien und die EU eine Art Verlängerungsabkommen schließen werden und damit eine Katastrophe verhindert werden kann. Dennoch hat der häufig turbulente Brexit-Prozess deutlich gemacht, dass keine noch so gefährliche Option vom Tisch ist.